HaDavar Messianic Ministries
 


MARCUS S. BERGMANN

Er konvertierte aus der Liberalen Jüdischen Synagoge und ist bekannt als Missionar der Londoner Stadtmission und als Übersetzer der Bibel in die jiddische Sprache. 1905 gab Marcus S. Bergmann eine zweite Ausgabe dieser Bibel heraus, in der er vieles in die schlichte Umgangssprache übersetzte. Er beschreibt seine Bekehrung wie folgt:

„Ich wurde 1846 in Wieruszów an der schlesischen Grenze geboren. Mein Vater starb, als ich etwa ein Jahr alt war. Er gehörte zur Sekte der Chassidim, d.h., der Frommen und Rechtschaffenen, die sich durch strenge Befolgung des jüdischen Gesetzes wie auch durch gute Werke auszeichneten. Er war ein bedeutender Talmudist. Ich kann mich nur verschwommen an meine liebe Mutter erinnern, weil sie ebenfalls starb, als ich gerade sechs Jahre alt war. Ich hatte einen älteren Bruder und eine Schwester. Mein Bruder war ein bedeutender Geschäftsmann in Lüben in der Nähe von Breslau. Meine Schwester wurde im Haus eines unserer Verwandten, Rabbi G'dalia Titkin, erzogen. Er war der Oberrabbiner von Breslau. Ich wuchs bei meinem Onkel, Woolf Bergmann, in Wieruszów auf. Er war ein Chassid, wie mein Vater, und führte mich in den Talmud und in das rabbinische Schrifttum ein.

Mit vierzehn schickte er mich nach Breslau, wo ich unter der Leitung des Oberrabbiners studierte. Das gefiel mir zunächst nicht, denn ich mußte meine chassidische Kleidung ablegen und mich nach deutscher Sitte kleiden. Doch ich gewöhnte mich schnell daran. Nach drei Jahren in Breslau zog ich zu einem Onkel, der Rabbiner in Frankenstein war. Hier hatte ich Gelegenheit, das Gelernte praktisch umzusetzen. Dann zog ich nach Kalisch, wo ich mit meiner Schwester lebte und mich mehr denn je dem Studium des Talmud widmete, weil ich überzeugt war, Gott damit zu ehren und für meine Sünden zu büßen, die mir anhafteten, auch wenn ich meine religiösen Pflichten treu erfüllte.

„Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters House in ein Land, das ich dir zeigen will." (1.Mose 12,1) Diese Worte hatte ich beständig in den Ohren und wurde so ruhelos, daß ich mich auf nichts anderes konzentrieren konnte. Ich folgte dieser Stimme 1866, als ich meine Heimat verließ und nach England zog. Kurz nach meiner Ankunft in London gründete ich eine kleine Synagoge, der ich fast zwei Jahre unentgeltlich vorstand. Ab und zu bekam ich für meine Bedürfnisse von meiner Schwester Überweisungen aus meines Vaters Erbe.

Es gefiel dem Herrn, seine Hand auf mich zu legen und ich verbrachte sechs Wochen in einem deutschen Krankenhaus. Als ich mich ein wenig erholt hatte, öffnete ich die hebräische Bibel, die ich auf einem Bücherbrett in der Krankenhausabteilung fand. Als Lektor in der Synagoge kannte ich die fünf Bücher Mose und andere Teile des Alten Testaments Wort für Wort.

Die Schriftstelle, die zu diesem Zeitpunkt den größten Eindruck auf mich machte, war Daniel 9. Mehrere Verse dieses Kapitels (die Schuldbekenntnisse Daniels) werden jeden Montag und Donnerstag von jedem Juden aufgesagt, wobei der letzte Teil des Kapitels, das so deutlich die Leiden des Messias voraussagt, nie gelesen wird. Die Rabbiner belegen sogar jeden mit einem schweren Fluch, der die Prophezeihung dieser siebzig Wochen erforscht. Sie sagen: „Mögen die Gebeine dessen verrotten, der versucht, die Endzeit zu errechnen." Bei dem Gedanken an diesen Bannfluch las ich mit Furcht und Zittern den Abschnitt über die siebzig Wochen und kam zu Vers 26: „Messias wird ausgerottet werden, aber nicht seinetwegen." Obwohl wir Juden sehr darauf bedacht sind, nie ein hebräisches Buch auf den Boden fallen zu lassen, schleuderte ich diese hebräische Bibel aus der Hand, weil ich in meiner Unwissenheit dachte, sie sei eine der missionarischen Bibeln. Nun hatte ich wohl die Bibel weggeworfen, konnte aber die Worte, die ich gelesen hatte, nicht mehr vergessen: „Messias wird ausgerottet werden, aber nicht seinetwegen." Diese Worte sanken tiefer und tiefer in meine Seele und es war mir, als ob ich sie überall in flammenden hebräischen Zeichen sehen würde. Längere Zeit war ich darüber sehr beunruhigt. Eines Morgens nahm ich die Bibel wieder zur Hand und ohne lange nachzudenken oder nach einer bestimmten Stelle zu suchen, wurden meine Augen durch diese Worte (ebenfalls in einem Kapitel, das von den Juden nie gelesen wird) gefangengenommen: „Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Wegen des Vergehens seines Volkes hat ihn Strafe getroffen." (Jesaja 53,8)

Das schien die Antwort auf meine Frage zu sein, die ich mir in großer Seelenbedrängnis unentwegt stellte. Ich hatte gelesen: "Messias wird ausgerottet werden, aber nicht seinetwegen." Für wen dann? Die Jesaja-Stelle gab eine deutliche Antwort: "Wegen des Vergehens meines Volkes." Und zu diesem Volk gehörte ich, darum wurde Messias für mich ausgerottet.

Kurz danach wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und war wieder unter meinen jüdischen Freunden, aber ich konnte diese beiden Schriftstellen nicht mehr aus meinen Gedanken verbannen.

Eines Morgens, als ich meine Gebetriemen und den Gebetsschal anzog, um die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten, konnte ich keinen einzigen Satz aus dem Gebetbuch vor mir aussprechen. Da fiel mir eine Stelle aus Psalm 119,18 ein: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz." Das wiederholte ich immer wieder. Zwei Stunden lang war dies der Schrei meiner Seele. Nachdem ich Gebetriemen und Gebetsschal abgelegt hatte, verließ ich das Haus, ohne zu essen. Als ich durch die Straßen ging, betete ich immer wieder die Worte des Psalmisten: „Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich." Mein Herz war schwer, aber ich wagte es nicht, mich jemand anzuvertrauen. In dieser Verfassung führte mich Gottes Geist zu Palestine Place. Ich verlor allen Mut, als ich vor der Tür von Dr. Ewald stand.

Nach einigen erfolglosen Versuchen brachte ich es endlich fertig, anzuklopfen und wurde von dem ehrwürdigen Diener des Herrn empfangen. Ich schüttete ihm mein Herz aus. Er fragte mich, ob ich gewillt sei, in sein Heim für Fragende zu kommen, um dort in der Wahrheit über den Herrn Jesus unterrichtet zu werden. Ich sagte, das wäre genau das, was ich brauche und nahm seine Einladung sofort an. Ich kehrte nicht zu meinen jüdischen Freunden zurück. Eine Woche später war das Passahfest.

Am ersten Tag von Passah kamen mehrere Juden meiner Gemeinde, die erfahren hatten, wo ich mich aufhielt, und flehten mich an, von den Missionaren wegzugehen und mit ihnen zu kommen. Als ich mich weigerte, drohten sie mir, mich bald mit Schande herauszuholen. Sie kamen auch bald wieder und brachten einen Polizisten mit. Sie klagten mich des Diebstahls an und ich wurde zur nächsten Polizeistation gebracht und eingesperrt. Mehrere Juden besuchten mich in meiner Zelle und baten mich sehr, zu ihnen zurückzukehren. Dann würden sie am nächsten Tag nicht als Kläger auftreten und ich wäre frei. Ich antwortete ihnen mit Davids Worten, als Gad ihn seine Strafe wählen ließ: „Ich will in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß; ich will nicht in Menschenhände fallen." Und ich fügte hinzu: „Du sollst kein falschen Zeugnis geben wider deinen Nächsten." Sie verließen mich enttäuscht. Doch ich war nie glücklicher als in der Nacht in dieser Gefängniszelle, denn ich spürte und begriff zutiefst, daß der HERR mit mir war. Dort kniete ich dann zum erstenmal nieder und betete zu Gott im Namen des Herrn Jesus Christus. Ich wußte zwar sehr wenig oder fast nichts vom Neuen Testament, doch es schien mir, als ob der Herr Jesus auf dieselbe Weise mit mir sprach, wie mit seinen Jüngern: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Wenn sie euch aber führen werden vor die Machthaber und die Obrigkeit, so sorgt nicht, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt, denn der Heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt." Eine Schriftstelle nach der anderen wurde mir gegeben, um mich zu ermutigen, mich ganz an den Herrn zu klammern und nicht zu fürchten, was Menschen mir antun könnten.

Obwohl ich nicht schlief, verbrachte ich die Nacht in Frieden und Freude. Am nächsten Morgen kamen wieder andere jüdische Besucher mit Verpflegung, die mich ebenfalls inständig baten, zu meinen jüdischen Freunden zurückzukehren. Als ich das ablehnte, sagten sie, sie hätten Zeugen, die die Klage gegen mich beweisen könnten. Dann müßte ich mindestens drei Monate ins Gefängnis. Aber ich spürte, daß der Herr Jesus mein Anwalt sein würde und mich vor Gericht vertreten würde.

Um 10 Uhr wurde ich abgeholt und zum Verhör vor den Oberbürgermeister von London gebracht. Eine große Anzahl von Juden folgte uns. Der ganze Gerichtssaal war gefüllt mit Juden. Mein Hauptankläger schwor, ich hätte ihn beraubt und drei andere bekräftigten dies durch vereidigte Zeugenaussagen. Weil ich die englische Sprache damals noch nicht beherrschte, fragte mich der Oberbürgermeister durch einen Dolmetscher, was ich zu meiner Verteidigung sagen könne und ob ich Zeugen hätte, die meine Unschuld beweisen könnten. Ich erwiderte: „Ich stehe hier wegen meines Glaubens an den Herrn Jesus Christus. Ich bin nicht nur unschuldig, sondern habe auch alle Wertsachen in dem Haus zurückgelassen, wo ich wohne. Ich werde hier nur angeklagt, weil ich Christ werden möchte." Der Oberbürgermeister rief noch einmal meinen Hauptankläger in den Zeugenstand und fragte ihn, ob ihm bekannt war, daß ich Christ werden wolle. Sein zorniger Gesichtsausdruck und die Minen der anderen Juden im Saal gaben hinreichend Auskunft, bevor er noch ein Wort hervorbringen konnte.

Im Kreuzverhör widersprachen sich die Zeugen so gründlich, daß sie meine Unschuld bewiesen und ich wurde sofort freigelassen. (Ich möchte klarstellen, daß diese Verfolgung nicht aus persönlicher Feindschaft gegen mich hervorgerufen wurde, sondern nur aus Sorge um mich und falschem Eifer. Sie wollten mich mit aller Gewalt davor retten, Christ zu werden.)

Ich kehrte zu Dr. Ewald zurück und nachdem ich gründlich in den Schriften unterrichtet war, wurde ich am 7. Juni 1868 durch die Taufe in die sichtbare Kirche Christi aufgenommen.

Nach der Taufe durfte ich in die „Operative Jewish Converts' Institution" einziehen, wo ich fast zwei Jahre blieb. Hier gab man mittellosen jüdischen Konvertiten die Chance, einen Beruf zu erlernen, um den eigenen Unterhalt verdienen zu können. Im Mai 1870 wurde ich bei der Londoner Stadtmission angestellt. Ich arbeitete unter meinem armen umnachteten Volk im Osten Londons. In den ersten paar Jahren meiner Missionsarbeit wurde ich natürlich sehr verfolgt und die Arbeit war sehr schwierig, doch das hat sich mit Gottes Segen zum großen Teil geändert. Seit 31 Jahren bin ich nun schon ein Nachfolger des Herrn Jesus Christus. Wenn ich auf all diese Jahre zurücksehe, kann ich sagen, daß er mich nie im Stich gelassen hat und daß alle seine gnädigen Zusagen in Erfüllung gegangen sind."



  ZURÜCK ZUM ANFANG