Psalm 34,21

Vorwurf der Anti-Missionare:

Johannes versucht, Jesus zu dem perfekten Opferlamm Gottes zu machen, das die Sünden der Welt trägt, und er will dies mit der jüdischen Passahfeier in Zusammenhang bringen. Er läßt Jesus sogar am Passatag sterben, während die anderen Evangelisten sagen, Jesus sei am Tage danach gestorben. Johannes 19,32-36 berichtet von Soldaten, die die Beine der Kreuzigungsopfer brachen und damit deren Tod beschleunigen wolten. Aber Jesus wurde davon ausgenommen, denn er war bereits gestorben. Dazu zitiert Johannes die hebräische Bibel und sagt:

„Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde: »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.«“ (Das Neue Testament bezieht sich auf 2.Mose 12,46, 4.Mose 9,12 und Psalm 34,21.)

Beachten Sie, wie einfach Johannes die gesamte Bedeutung veränderte, indem er nur das Wort „es“ (auf ein Tier bezogen) mit „ihm“ (auf einen Menschen bezogen) wiedergab. 2.Mose 12,46 spricht vom Passaopfer: „und sollt keinen Knochen an ihm (dem Opfertier) zerbrechen.“ Auch 4.Mose 9,12 behandelt das Passaopfer: „sie sollen … auch keinen Knochen davon zerbrechen.“ Psalm 34,21 will David sagen, daß niemand wirklich gerecht und groß wird, ohne daß Gott an seinen Leiden Anteil nimmt, und er schließt daraus, „Er bewahrt ihm alle seine Gebeine, daß nicht eines zerbrochen wird.

Es gibt keinen Hinweis darauf, daß der Psalm beabsichtigt, prophetisch zu sprechen oder auf Jesus anzuwenden ist. Jesus war körperlich disqualifiziert, um als Passaopfer zu gelten, denn an dem weiblichen Lamm durfte „kein Fehler“ sein (2.Mose 12,5). Jesus aber war verwundet, ausgepeitscht und entstellt worden.

HaDavars Antwort:

Bitte lesen Sie nach in unseren Ausführungen über „Die vier Methoden, mit denen die Brith Chadaschah (das Neue Testament) die hebräische Bibel anwendet.“ Johannes 19,32-36 ist ein Beispiel für wörtliche Prophetie und typische Erfüllung (Rémes).

Wie bei Hosea 11,1 (vgl. Matthäus 2,15) ist dies gar keine eigentliche Prophetie. Hosea 11,1, 2.Mose 12,46 und 4.Mose 9,12 beziehen sich alle auf ein tatsächliches, geschichtliches Ereignis. Aber als messianischer Jude des ersten Jahrhunderts verstand Johannes das tatsächliche, geschichtliche Ereignis als die Vorausdarstellung von etwas Größerem. Das wirkliche Passalamm stellt das größere Lamm im voraus dar, nämlich den Messias. Johannes teilt uns sein Verständnis der Bedeutung des Passalamms mit. Die Erlösung aus Ägypten weist auf eine größere Erlösung hin, die Erlösung von der Sünde. Er bittet den Leser, auf das Passalamm von einem philosophischen, symbolischen Standpunkt aus zu blicken. Dabei versucht er nicht, irgendjemanden zu betrügen, sondern er arbeitet lediglich mit den anerkannten Auslegungsnormen seiner damaligen Gesellschaft. Diese Vorgehensweise ist bei den Rabbinen nicht ungewöhnlich.

Rémes wird akzeptiert als eine gültige Methode zur Bibelauslegung. Johannes verweist den Leser darauf, 2.Mose 12,46 und 4.Mose 9,12 zu beachten. Diese Verse sind annehmbar, um den Leser weiterzuführen. Wir stimmen dem Antimissionar zu, was Psalm 34,21 betrifft. Es gibt keinen direkten Hinweis des Neuen Testaments auf diesen Vers. Johannes 19,36 steht im direkten Bezug zu 2.Mose 12,46 und/oder 4.Mose 9,12, aber es ist kein Zitat von Psalm 34,21. Johannes mag Psalm 34,21 im Kopf gehabt haben, aber diese Stelle ist für sein Argument nicht notwendig.

Die Parallelstelle, die der Herausgeber einer modernen Bibelübersetzung angibt, ist nicht inspiriert und muß darum auf ihre Gültigkeit überprüft werden. Manche Leute verlieren ihre Selbstbeherrschung und ihr klares Urteilsvermögen, wenn es um die messianische Prophetie geht, und ihre Aussagen sind einfach nicht gerechtfertigt. Aber Psalm 34,20 kann möglicherweise auf Jesus angewendet werden, wenn man das Wort als Beispiel für die wörtliche Prophetie und Anwendung (Derásch) auffaßt. Wegen eines ähnlichen Gedankens könnte der Vers in der Textauslegung auf Jesus angewendet werden. Er war die Verkörperung eines gerechten Menschen, und seine Gebeine wurden nicht zerbrochen. Wir würden niemanden tadeln, der eine solche Verbindung herstellt, aber sie ist nicht erforderlich und vielleicht nicht einmal ein Teil der Argumentation des Johannes.

Wir stimmen dem Antimissionar nicht zu, wenn er meint, Jesus sei körperlich disqualifiziert gewesen, um als Passalamm zu gelten. Zuallererst sollte nach 2.Mose 12,5 ein männliches Lamm genommen werden und kein weibliches, wie der Antimissionar behauptet. Dieses Lamm wurde am 10. Nisan ausgewählt, untersucht und auf Mängel überprüft bis zum 14. Nisan, dem Tag seiner Opferung. Natürlich war es unversehrt bis zum Zeitpunkt seiner Tötung. Aber der Vorgang der Opferung, wobei seine Kehle durchgeschnitten wurde, hat es dann eindeutig mit einem körperlichen Makel versehen.

Parallel dazu zog Jesus am 10 Nisan als das perfekte Passalamm in Jerusalem ein (Matthäus 21, Markus 11 und Lukas 19) und wurde als Messias begrüßt. Dann wurde er von den Pharisäern, Sadduzäern, Schriftgelehrten und Herodianern bis zum 14, Nisan einer Prüfung auf Fehler unterzogen. Indem Er all ihre Fragen und Einwände beantwortete, zeigte Jesus, daß Er ohne Makel in Bezug auf Lehre und Charakter war. Dann feierte Jesus das Passamahl mit Seinen Jüngern, und danach begann der Prozeß, der zu Seiner Hinrichtung führte. Auch als Passalamm war Jesus ohne körperliche Mängel, bis Er getötet wurde. So war Jesus ohne körperliche, charakterliche oder lehrmäßige Fehler, bis der Vorgang Seines Tötens begann. Zweifellos wurde Er dabei verwundet, ausgepeitscht und entstellt. Das Durchschneiden der Kehle des Opferlamms ist die Parallele zu den Mißhandlungen, die Jesus zu erleiden hatte, und die schließlich in Seinem Sterben ihren Höhepunkt fanden.

Es hat viel Streit gegeben über die angebliche Differenz zwischen den Synoptikern und dem Evangelium des Johannes, was den Tag des Todes Jesu betrifft. Wir meinen, der beste Standpunkt dazu wird von dem großen messianisch-jüdischen Gelehrten Dr. Alfred Edersheim vertreten in seinem klassischen Werk Das Leben und die Zeit Jesu des Messias. Er stellt fest, daß alle vier Berichte miteinander harmonieren. Jesus feierte das Passafest.

Der strittige Punkt ist die Tatsache, daß die synoptischen Evangelien auszusagen scheinen, Jesus starb am 15. Nisan, während das Johannes-Evangelium der Ansicht ist, Er starb am 14. Nisan. Dr. Edersheim greift diese Kontroverse auf, und wir zitieren aus seinem Buch:

„ Es wird berichtet, daß diejenigen, die Ihn brachten, nicht durch den Eingang des Palastes gingen, ‚damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten‘ (Johannes 18,28).

 

Wenige Bibelaussagen haben mehr Anlaß zum Streit gegeben als diese. Über zwei Dinge können wir wenigstens mit Sicherheit sprechen. Der Eintritt in ein heidnisches Haus machte levitisch unrein für den betreffenden Tag, und zwar bis zum Abend. Die Tatsache solcher Verunreinigung wird klar bestätigt, sowohl im Neuen Testament (Apostelgeschichte 10,28) als auch in der Mischna, obwohl die Gründe verschieden sein konnten (Ohal. 18.7; Tohar. 7.3)[a]. Eine Person, die auf diese Weise levitisch unrein geworden war, wurde mit dem Fachausdruck Tevúl jom (‚Gebadeter des Tages‘) bezeichnet. Das andere, was sicher ist, ist folgendes: Wenn man auf diese Weise ‚unrein‘ für den Tag geworden war, so war man nicht disqualifiziert, das Passa-Lamm zu essen, denn an diesem Mahl nahm man erst nach dem Abend teil, wenn schon ein neuer Tag angefangen hatte. Es ist tatsächlich eindeutig festgelegt, daß ‚der Gebadete des Tages‘, also wer für den Tag unrein gewesen war und am Abend gebadet hatte, an dem Passamahl teilnehmen durfte. Ein Beispiel wird berichtet, wo einige Soldaten, die die Tore Jerusalems bewacht hatten und dabei ‚eingetaucht‘ waren, das Passalamm aßen. Daraus folgt, daß die Angehörigen des Hohen Rats nicht das Betreten des Palastes von Pilatus deswegen ablehnen konnten, weil sie sich damit für die Teilnahme am Passamahl verunreinigt hätten.

 

Die Sache ist bedeutsam, denn viele Schreiber haben den Ausdruck ‚das Passa‘ auf das Passamahl gedeutet und argumentiert, unser Herr habe gemäß dem vierten Evangelium nicht am vorausgehenden Abend am Passalamm Anteil gehabt, oder daß andernfalls der Bericht des vierten Evangeliums nicht mit den synoptischen Evangelien übereinstimme. Aus dem eben genannten Grund ist es aber unmöglich, den Ausdruck ‚Passa‘ mit dem Passamahl gleichzusetzen. Wir müssen nur untersuchen, ob der Ausdruck nicht auch für andere Opfer gebraucht wird. Und hier zeigen sowohl das Alte Testament (5.Mose 16,1-3; 2.Chronik 35,1.2.6.18) als auch die jüdischen Schriften[b], daß der Ausdruck Pessach oder ‚Passa‘ nicht nur für das Passalamm, sondern für alle Passa-Opfer verwendet wurde, insbesondere für die sogenannte Chagigah, das Fest-Opfer (von chag oder chagag, das Festopfer darbringen, für gewöhnlich an jedem der drei großen Feste). Nach der eigens dafür[c] geltenden Regel (Chag. 1.3) wurde die Chagigah am ersten Tag des Passafestes dargebracht.[d] Es wurde sogleich nach dem Morgen-Gottesdienst geopfert und dann an diesem Tag auch gegessen, wahrscheinlich einige Zeit vor dem Abend, an dem – wie wir demnächst sehen werden – eine andere Zeremonie öffentliche Aufmerksamkeit erforderte. Darum können wir gut verstehen, daß die Angehörigen des Sanhedrin nicht am Passa-Abend, sondern am ersten Tag der Passafeiern eine Verunreinigung vermeiden wollten. Diese hätte bis zum Abend angehalten und hätte ihnen nicht nur die Unannehmlichkeiten einer levitischen Verunreinigung am ersten Festtag eingebracht, sondern sie hätte auch ihr Opfer an diesem Passatag, das Festopfer oder die Chagigah, verhindert. Denn wir haben diese zwei speziellen Regeln: daß eine Person die Chagigah nicht opfern konnte, wenn sie levitisch verunreinigt war; und daß die Chagigah nicht dargebracht werden konnte für eine Person, deren Stelle jemand anders einnahm.“[1]

Zusammenfassend argumentiert Dr. Edersheim, daß alle Evangelien berichten, Jesus sei am 15. Nisan gekreuzigt worden. Die Verwirrung entsteht durch Kommentatoren, die nicht vertraut sind mit der jüdischen Ausdrucksweise und den Tempeldiensten. Der Fehler liegt darin, daß man den Ausdruck „Passamahl“ in Johannes 18,28 nicht als Oberbegriff für alle Passaopfer einschließlich der Chagigah versteht. Johannes 18,28 bezieht sich auf die Chagigah. Die Chagigah wurde am 15 Nisan geopfert und von den Priestern später an diesem Tag gegessen. Die Chagigah ist das Opfer, das sie betrifft, und nicht das Passalamm (das Pessach auf hebräisch).

Mit diesem Verständnis wird der scheinbare Konflikt gelöst. Jesus starb am 15. Nisan. Darin stimmen alle vier Evangelien überein. Jesus entspricht dem Passalamm. Das Passalamm war männlich, es wurde Israel am 10. Nisan vorgestellt, bis zum 14. Nisan überprüft, ohne Mängel erfunden und getötet. Auch Jesus war männlich, wurde Israel am 10. Nisan vorgeführt, von der politischen und religiösen Führerschaft bis zum 14. Nisan überprüft, ohne Mängel erfunden und getötet.

Es verwundert nicht, daß die messianischen Juden des ersten Jahrhunderts Jesus als das wahre Passalamm ansahen: Apostelgeschichte 8,32ff.; 1.Petrus 1,19; Offenbarung Kapitel 5, 6, 7, 8, 12, 13, 14, 15, 17, 19, 21; 1.Korinther 5,7ff.

  1. ^ Marginal note: Ohol. xviii. 7; Tohar. vii. 3
  2. ^ Das Thema wurde so ausgiebig erörtet in Wieseler, Beiträge, und in Kirchner, Jüdische Passahfeier, nicht zu reden von vielen anderen, daß es sich erübrigen dürfte, die Frage noch weiter zu behandeln. Kein kompetenter jüdischer Archäologe hätte Bedenken zu verneinen, daß “Pessach” sich auf die “Chagigah” beziehen könnte. Aber das Motiv, das Johannes dem Sanhedrin zuschreibt, zeigt an, daß es sich in diesem Fall um die Chagigah handeln muß und nicht um das Passalamm.
  3. ^ Marginal note: Chag. i. 3
  4. ^ Aber ein Zugeständnis gab es für die, die es unterlassen hatten, das Opfer am ersten Tag der Festwoche darzubringen. Beim Laubhüttenfest war die Woche bis auf den achten Tag ausgedehnt, und beim Wochenfest (das nur einen Tag lang dauerte) wurde die Frist auf eine Woche verlängert (siehe Chag. 9a; Jer. Chag. 76c). Die Chagigah konnte nicht, aber das Passalamm durfte von einer Person auch zugunsten von jemand anders geopfert werden.
  1. ^ Edersheim, Alfred, The Life and Times of Jesus the Messiah (electronic ed., 2002, E4 Group), p. 593