Rabbinische Unterstützung

1.Mose 3,15 wird von folgenden rabbinischen Autoritäten als messianisch angesehen.

Rabbi David Kimchi:
Als Du ausgingst, um Dein Volk zu erlösen durch die Hand des Messias, des Sohnes Davids, der den Satan verwunden wird, das Haupt, den König und Fürsten des Hauses der Bösen.1

Midrasch Rabba (23):
Rabbi Tanchuma sagte im Namen von Rabbi Samuel: Eva respektiert diesen Nachkommen, der von woanders herkommt. Und wer ist es? Das ist der Messias, der König.2

Dr. Alfred Edersheim erwähnt in seinem klassischen Werk „The Life and Times of Jesus the Messiah“ (Anhang 9) weitere Äußerungen der Rabbiner, die unterstützen, daß sich 1.Mose 3,15 auf den Messias bezieht:

Diese wohlbekannte Bibelstelle wird umschrieben mit ausdrücklichem Bezug auf den Messias, und zwar im Targum Pseudo-Jonathan und im sogenannten Jerusalem-Targum. Schöttgen vermutet, daß die talmudische Deutung der „Fersen des Messias“ (Sota 49b) auf dessen baldige Ankunft in der Schilderung der Nöte jener Tage (vgl. Matth. 10,35.36) auch mit Blick auf diese Schriftstelle erfolgte.3

Die Bemerkung Dr. Edersheims wird bestätigt von Franz Delitzsch in seinem Buch „Messianic Prophecies in Historical Succession“, wobei er noch einen messianischen Zusammenhang mit einem der Midraschim hinzufügt.

Der palästinische Targum bezeugt, daß in 1.Mose 3,15 eine Heilung des Schlangen-bisses in die Ferse verheißen wird, die staffinden wird „am Ende der Tage, in den Tagen des Königs Messias.“ Im palästinischen Midrasch zu 1.Mose (Bereschit Rabba XII) lesen wir: „Die Dinge, die Gott perfekt geschaffen hat, sind durch die Sünde des Menschen verdorben worden und werden nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurückgelangen, bis der Sohn des Perez (das ist nach 1.Mose 38,29 und Ruth 4,18 ff. Der Messias aus dem Stamm Juda) kommen wird.“ 4

Weitere messianische Verbindungen werden aufgezeigt von Samuel C.F. Frey in seinem zweibändigen Werk „Joseph and Benjamin“.

Unsere alten Rabbinen haben übereinstimmend erklärt, daß mit dem Nachkommen der Frau, der den Kopf der Schlange zertreten sollte, der Messias gemeint ist. Sie kennen so gut wie ich ihren allgemein bekannten Ausspruch: „Ehe die Schlange unsere allerersten Vorfahren verletzte, hatte Gott ein Pflaster für ihre Gesundung bereitet; und sobald die Sünde in die Welt gekommen war, trat der Messias auf.“. Hier sagen beide Targume, sowohl von Okelos als von Jonathan: „Die Stimme, die unsere ersten Vorfahren durch den Garten gehend hörten, war der Memra Jahwes, das ist das Wort des Herrn oder des Messias, der bei diesem Ausdruck stets gemeint ist.“ Im Targum Jonathan und im Targum Jerusalem heißt es: „Der Nachkomme der Frau soll den Kopf der Schlange zertreten, und sie werden Heilung erlangen oder ein Pflaster für die Ferse (für die Ver-letzung, die ihnen die Schlange zugefügt hat) in den Tagen des Messias, des Königs.“5

Es ist selbstverständlich, daß nach diesen Beispielen unser Verständnis von 1.Mose 3,15 als Weissagung auf den Messias sich im Rahmen der jüdischen Belege befindet. Es ist nicht eine Meinung, die von einigen nichtjüdischen Missionaren erträumt wurde mit der Absicht, leichtgläubige Juden zu täuschen, damit sie ihr Volk und ihre Religion verlassen. Die messianische Bedeutung dieser Prophetie wurde von den Rabbinen sehr klar erkannt.

Aber in1.Mose 3,15 verbirgt sich noch mehr Bedeutsames. Wie Eva 1.Mose 3,15 verstanden hat, erkennen wir an dem, was sie nach 1.Mose 4,1 bei der Geburt ihres ersten Sohnes sagte. 1.Mose 4,1 lautet (wörtlich): „Ich habe einen Mann gewonnen – Jahwe.“ Die meisten Bibelübersetzungen übertrag den Text aber nicht auf diese Weise.

Der Streitpunkt der Übersetzung dreht sich um das kleine hebräische Wort „et“. Dieses kleine Wort kann entweder ein Akkusativ-Objekt anzeigen, das als direktes Objekt zu definieren ist, oder es kann eine Präposition (Verhältniswort) sein. Präpositionen stehen vor Wörtern, um eine bestimmte Beziehung zu ihnen anzuzeigen, wie z.B. in, an, bei usw. Die meisten Übersetzer halten das Wort für eine Präposition und übersetzten den Vers daher: „Und sie sagte, ich habe einen Mann gewonnen mit der Hilfe des (et) HERRN.“ 6 Diesen Wortlaut finden wir überall in vielen Bibelübersetzungen.

Zwei aramäische Übersetzungen von 1.Mose 3,15 haben ebenso entschieden.

Der palästinische Targum (zu 1.Mose 4,1):
Und Adam erkannte Eva, sein Weib, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sagte: Ich habe den Mann erworben von dem Herrn aus.

Targum Onkelos (zu 1.Mose 4,1):
Und Adam erkannte Eva, sein Weib, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sagte: Ich habe den Mann erworben von dem Herrn aus.

Obwohl die Standard-Übersetzungen und zwei Targumim sich für diese Übersetzung entschieden haben, glauben wir, es ist besser, „et“ als Akkusativ-Partikel anzusehen. Warum soll eine solche Minderheitsposition besser sein? Hier eine Anzahl von Gründen.

Textzusammenhang (Kontext).

Der erste Grund ist der Textzusammenhang, in dem das Wort steht. Das Akkusativ-Partikel wird in den Versen 1 und 2 von Kapitel 4 fünfmal verwendet. Man sieht es nicht in unseren Übersetzungen, weil es nur die Funktion hat, ein direktes Objekt im Satz anzuzeigen. Es ist kein übersetzbares Wort. Eine wörtliche Übersetzung der Verse 1 und 2 wird es dem nicht-hebräischen Leser ermöglichen, den Zusammenhang zu verstehen.

Und Adam erkannte (et) sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar (et) den Kain, und sie sagte: „Ich habe einen Mann gewonnen (et) Jahwe.“ Danach gebar sie (et) Abel, (et) seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

Wenn wir in den Kontext blicken, so sehen wir den Namen Jahwe genau in der Mitte der Textkonstruktion stehen. Die vier Eigennamen Eva, Kain, Jahwe und Abel werden ebenso wie das gewöhnliche Wort für Bruder mit vorgestelltem et angeführt. In vier Fällen wird es richtig als Partikel behandelt, mit dem das unmittelbare Objekt des Verbs bezeichnet wird. Nur im Falle des Eigennamens Jahwe haben die Übersetzer das et als Präposition angesehen und entsprechend anders wiedergegeben. Eine übereinstimmende Übersetzung würde auch eine gleichlautende Wiedergabe des Wortes et erfordern. Es ist besser, dieses Wort beständig als Akkusativ-Partikel anzusehen und den Vers zu übersetzen: „Ich habe einen Mann gewonnen – den HERRN.“ Diese Übersetzung würde nicht das Schema des Textzusammenhangs verletzen.

Rabbinische Übereinstimmung.

Eine weitere Unterstützung für diese Meinung findet sich in den Targumim, nämlich im Targum Jonathan. Dort heißt es zu 1.Mose 4,1:

Und Adam erkannte sein Weib, das den Engel begehrte, und sie wurde schwanger und gebar den Kain, und sie sagte: „Ich habe DEN MANN gewonnen, den Engel Jahwes.“ 7

Hier hat der Übersetzer den Eigennamen Jahwe mit dem Ersatzausdruck „Der Engel Jahwes“ wiedergegeben. Darüber hinaus wird keine Präposition benützt wie „mit Hilfe von“. Et wird als Akkusativ-Partikel behandelt, wodurch das Verb als unmittelbares Objekt den „Engel des HERRN“ erhält.

Eine weitere, zustimmende Erkenntnis befindet sich im Expositor’s Bible Commentary.

Der Nachweis aus den Versionen (LXX: dia tou theou; Vulgata: per deum) läßt darauf schließen, daß die akkusative Bedeutung von „Ich habe einen Mann gewonnen, den Herrn“, für die damaligen Übersetzer nicht annehmbar war, so daß sie das Problem durch eine freie Übersetzung zu lösen versuchten. Die moderne Übersetzung „mit Hilfe des HERRN“ … wird sonst nirgends in der Schrift bestätigt.8

Die Bemerkung, daß die Bewertung von et als unmittelbaren Anzeiger für ein Objekt hier von den frühen Übersetzern nicht akzeptiert wurde, erhärten auch die rabbinischen Aussagen in Bereschit Rabba XXII,2.

MIT DER HILFE DES (ETH) HERRN. R. Jischmael fragte R. Akiba: „Da du Nahum von Gimzo 22 Jahre lang gedient hast [und er lehrte], jedes ak und rak gibt eine Begrenzung an, während jedes eth und gam eine Erweiterung bedeutet, so sage mir, was ist der Zweck des eth, das hier geschrieben steht?“ – „Wenn es meint ‚Ich habe einen Mann gewonnen – den Herrn‘, so antwortete er, so wäre es schwer [zu verstehen]; darum ist ETH [MIT DER HILFE DES] HERRN notwendig.“ 9

Der Grund für das Gespräch zwischen Rabbi Jischmael und Rabbi Akiba ist also die Bewertung des et (das im Soncino Midrasch Rabba ETH geschrieben wird). Rabbi Jischmael versteht richtig die Folgerung, wenn man et als Anzeiger des direkten Objektes ansieht. In diesem Fall sagt Eva, sie glaube, Gott oder einen Gott-Menschen geboren zu haben. Von dieser Folgerung beunruhigt, fragt Jischmael Rabbi Akiba um Rat. Auch Rabbi Akiba versteht diese Folgerung ebenso gut und erkennt das an mit seiner Antwort, wenn man et als Anzeiger eines unmittelbaren Objekts ansähe, dann „wäre es schwer [zu verstehen]“. Mit anderen Worten, das wäre für die rabbinische Theologie nicht annehmbar, und deshalb muß es für eine Präposition gehalten werden. Demzufolge ist eine freie Übersertzung, nämlich [MIT DER HILFE DES] HERRN notwendig.

Das kleine Partikel et ist somit wichtig genug, um eine Kontroverse hervorzurufen. Der Zusammenhang rechtfertigt es, et für den Anzeiger eines unimttelbaren Objekts zu halten. Aber diejenigen, die die Aussagen des Kontextes und die daraus zu folgernde Bewertung nicht akzeptieren können, sind gezwungen, das Wörtchen anders zu übersetzen, auch wenn das dann zu einer freien und nicht zu einer wörtlichen Übersetzung führt.

Dr. David Cooper faßt die Angelegenheit zusammen.

In 1.Mose 4,1 – die Aussage Evas, als Kain, ihr erstgeborener Sohn, geboren war „Ich habe einen Mann gewonnen, sogar Jahwe.“ Sie verstand die einfache Prophezeiung richtig, aber sie wandte sie falsch an, indem sie ihre Erfüllung in Kain, ihrem Sohn, sah. Es ist klar, daß Eva glaubte, das Kind der Verheißung sei Jahwe selbst. Manche alten jüdischen Kommentatoren fügen das Wort „Engel“ in diesen Text ein und sagen, daß Eva behauptete, ihr Sohn sei „der Engel Jahwes“. 10

Die Bedeutung dieser Ausführungen liegt in der Tatsache, daß Eva dachte, sie habe einen übernatürlichen Erlöser geboren, einen göttlichen Messias, einen Gott-Menschen. Diese Erkenntnis ist die bedeutsame Tatsache, die im Hintergrund von 1.Mose 3,15 auftaucht. In 1.Moise 3,15 verheißt Gott einen übernatürlichen Erlöser, der Satan vernichten wird. Eva verstand die Worte dieser Verheißung genau. Ihr Fehler war, daß sie dachte, ihr Sohn Kain sei dieser übernatürliche Erlöser.

Um etwa 700 vor Christus sollte Jesaja das Kommen eines übernatürlichen Erlösers voraussagen, als er die Offenbarung über die Jungfrauengeburt gab. Der übernatürliche Erlöser sollte Immanuel sein – Gott mit uns. Diese Voraussagung wurde erfüllt bei der tatsächlichen Geburt des übernatürlichen Erlösers, des Gott-Menschen Jeschua HaMaschiasch. Mit dieser Bemerkung gehen wir über zum nächsten Teil unserer Studie, zu der Erfüllung in Jeschua.

 


1 "How to Recognise the Messiah," Good News Society, p. 5
2 Ibid.
3 Edersheim, A. The Life and Times of Jesus the Messiah (electronic ed.), p.689
4 Delitzsch, Franz., Messianic Prophecies in Historical Succession, (Eugene, Wipf, and Stock Publishers, 1997), p. 39
5 Frey, Joseph Samuel, C.F., Joseph and Benjamin, (Jerusalem: Keren Ahvah Meshihit, 2002), p. 154-155
6 The New American Standard Bible, (La Habra, California: The Lockman Foundation, 1977).
7 Biblia Hebraica Stuttgartensia, (Deutsche Bibelgessellschaft Stuttgart) 1990.
8 "How to Recognise the Messiah," p. 5
9 Gaebelein, F.E. Gen. Ed. Expositor's Bible Commentary, (Grand Rapids, MI: Zondervan Publishing House, 1981), p. 63
10 Soncino Classics Collection: The Soncino Midrash Rabbah, (Chicago: Davka Corp.)
11 McDowell, Josh., Evidence that Demands a Verdict, (San Bernardino, CA: Here's Life Publishers, 1972), p. 145