Der Vorwurf der Anti-Missionare:
Die Apostelgeschichte enthält zwei eklatante Irrtümer, die beweisen, daß das Neue Testament nicht von Gott ist.
HaDavars Antwort:
Der fragliche Einwand dreht sich um einen offensichtlichen Widerspruch zwischen dem, was Stephanus in Apostelgeschichte 7,16 sagt, und dem, was in den Büchern 1. Mose und Josua steht. Stephanus sagt in Apg. 7,16 folgendes:
„und sie wurden nach Sichem herübergebracht und in das Grab gelegt, das Abraham für Geld gekauft hatte von den Söhnen Hamors in Sichem.“
In Apostelgeschichte 7,16 sagt Stephanus, daß Jakob und Josef, nachdem sie gestorben waren, nach Sichem überführt und in der Grabstätte beigesetzt wurden, die Abraham von den Söhnen Hamors in Sichem gekauft hatte. Diese Aussage enthält offensichtlich zwei Unstimmigkeiten: Erstens befand sich die Grabhöhle in Hebron und nicht in Sichem (1.Mose 23,16-20). Während Josef in Sichem begraben wurde, lag Jakob in Hebron begraben. Zweitens, Abraham kaufte die Höhle von den Hetitern (1.Mose 23,10), und Jakob war es, der das Stück Land von Hamor kaufte (1.Mose 33,18-20).
Der Einwand kann auf diese Weise festgesetzt werden. Wenn das Neue Testament die Fakten der Bibel nicht korrekt wiedergibt, wie kann man ihm dann trauen? Wie kann man behaupten, ein fehlerhaftes Buch sei vertrauenswürdig?
Die Integrität des Neuen Testaments
Der offensichtliche „Widerspruch“ läßt sich auf zweierlei Weise erklären. Eine davon ist, sich zu erinnern, daß der Bericht das wiedergibt, was Stephanus tatsächlich vor dem Sanhedrin vortrug. Lukas, oder die Apostelgeschichte, oder das Neue Testament bestätigt nicht die Wahrheit dessen, was Stephanus sagte. Es bestätigt nur die Tatsache, daß Stephanus das wirklich sagte. In seiner unter Druck gehaltenen Rede mag Stephanus einige sachliche Fehler gemacht haben. Aber bei dieser vorgeschlagenen Erklärung hat Lukas genau und wahrheitsgemäß das berichtet, was Stephanus sagte.
Diese Erklärung stimmt überein mit dem Grundsatz der Irrtumslosigkeit des Neuen Testaments, weil Lukas auch die Fehler des Stephanus berichtete und nicht korrigierte. Hätte er Stephanus‘ Aussage „korrigiert“, so hätte er mit dem, was tatsächlich geschah, herumgespielt. Eine „Korrektur“ durch Lukas hätte die Irrtumslosigkeit und Integrität des Neuen Testaments verletzt und das manipuliert, was Stephanus wirklich sagte.
Diese vorgeschlagene Erklärung steht im Einklang mit anderen Irrtümern, die in der Bibel berichtet werden. Die Bibel berichtet oft Irrtümer, ohne sie zu bestätigen. Sie schreibt einfach ehrlich und gewissenhaft die Tatsache nieder, in der ein Irrtum enthalten sein kann. Zum Beispiel spricht sie von dem schwerwiegenden Fehler, den die Gottlosen machen:
Psalm 14,1; 53,1
„Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.«
Die Bibel bestätigt nicht, die Aussage „Es ist kein Gott“ sei wahr. Sie bestätigt einfach nur, daß die Bösen wirklich an diesen bestimmten Irrtum glauben. Beachten Sie ein paar weitere Beispiele:
Hesekiel 8,12:
„Und er sprach zu mir: Menschenkind, siehst du, was die Ältesten des Hauses Israel tun in der Finsternis, ein jeder in der Kammer seines Götzenbildes? Denn sie sagen: Der HERR sieht uns nicht, der HERR hat das Land verlassen.“1.Mose 3,4-5:
„Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“1.Mose 4,9:
„Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“1.Mose 18,15:
„Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht -, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.“1.Mose 26,7-10:
„Und wenn die Leute am Ort fragten nach seiner Frau, so sprach er: Sie ist meine Schwester; denn er fürchtete sich zu sagen: Sie ist meine Frau. Er dachte nämlich: Sie könnten mich töten um Rebekkas willen, denn sie ist schön von Gestalt. Als er nun eine Zeit lang da war, sah Abimelech, der König der Philister, durchs Fenster und wurde gewahr, daß Isaak scherzte mit Rebekka, seiner Frau. Da rief Abimelech den Isaak und sprach: Siehe, es ist deine Frau. Wie hast du dann gesagt: sie ist meine Schwester? Isaak antwortete ihm: Ich dachte, ich würde vielleicht sterben müssen um ihretwillen. Abimelech sprach: Warum hast du uns das angetan? Es wäre leicht geschehen, daß jemand vom Volk sich zu deiner Frau gelegt hätte, und du hättest so eine Schuld auf uns gebracht.
Alle diese Beispiele enthalten absolut irrtümliche und unwahre Aussagen. Aber sie werden in der Bibel genau wiedergegeben, weil sie tatsächlich stattfanden, nicht, weil sie der Wahrheit entsprachen. Die Irrtumslosigkeit der Bibel bleibt aufrecht erhalten, sowohl in diesen Beispielen wie auch in der Aussage des Stephanus, weil Tanach und Brith Chadaschah das berichten, was wirklich geschah, auch wenn damit unsere verehrten Patriarchen und Stammütter in Verlegenheit gebracht werden.
Das wäre also die eine Erklärung zu Apostelgeschichte 7,16. Stephanus befand sich in einer Situation, wo er sich gewissermaßen unter Überdruck befand, und beging tatsächlich einige Fehler. Aber das Neue Testament blieb auf der Linie der Irrtumslosigkeit und Integrität, und so berichtete es seine Fehler genau, denn er hat sie wirklich begangen. Darum ist das Neue Testament genau so glaubwürdig wie der Tanach. Auch peinliche Fehler frommer Menschen werden öffentlich, durchschaubar und ehrlich berichtet.
Zusammenfassung
Eine zweite Methode, um eine Lösung des Problems zu finden, ist der Hinweis darauf, daß manche Ereignisse in der Bibel einfach zusammengefaßt werden. Hier ist das so mit den beiden Handlungen und den zwei Begräbnissen.
Diese Erklärung paßt ganz natürlich und folgerichtig in den Zusammenhang. Der Zusammenhang zeigt, wie Stepanus sich unter starkem Druck vor dem Sanhedrin gegen den Vorwurf der Gotteslästerung verteidigen muß (Apostelgeschichte 6 und 7). Weil er sich in einer sehr angespannten Lage befindet, hat er nicht viel Zeit. So faßt er den Handel Abrahams mit den Hetitern und den Handel Jakobs mit Hamor von Sichem einfach zusammen. Auch die beiden Begräbnisse werden so zusammengefaßt, das von Jakob in Hebron und das von Joseph in Sichem. Auf ähnliche Weise werden vorher in dieser Rede die beiden Berufungen Abrahams zusammengefaßt (Apostelgeschichte 7,4). Stephanus schob sie teleskopartig zusammen, um seine Rede effizienter zu machen.
Ein sich lohnender Kommentar kommt aus Hard Sayings of the Bible, Seite 522:
Wir müssen bedenken, daß in Reden wie dieser der Redner keine historische Lektion erteilen will. Bevor er anfing, wußte er gut genug, daß seine Zuhörer die Geschichte ebenso kannten wie er, wenn nicht besser. Er versucht, aus dieser Geschichte das Wesentliche herauszuholen. Darum kann er sie so darstellen, wie sie für seine Zwecke geeignet ist.
John Gill fügt in seiner Exposition of the Entire Bible einige überzeugende Gedanken hinzu, die sich in der gleichen Richtung bewegen:
„… was die Schwierigkeit am besten auszuräumen scheint, ist es, die Worte auf beide Orte und Kaufabschlüsse zu beziehen; auf das Feld Machpela, das Abraham kaufte, und auf die Parzelle in Sichem, die Jakob von den Söhnen Hamors kaufte. Die wiederholten Worte „in der Grabstätte“ könnten dann etwa so gelesen werden: „und wurden in das Grab gelegt, das Abraham für Geld gekauft hatte,“ und in das Grab (, das Jakob gekauft hatte) von den Söhnen Hamors“, des Vaters von Sichem; oder man kann sie so übersetzen: „sie wurden nach Sichem überführt und lagen in dem Grab, das Abraham für Geld gekauft hatte, neben“ dem Grab „der Söhne Hamors“, des Vaters „von Sichem“, nämlich dem Grab, das Jakob gekauft hatte und in das Josef gelegt wurde (1.Mose 33,19). Und das stimmt überein mit der Rede und der Absicht des Stephanus im vorhergehenden Vers. Er stellte fest, daß Jakob in Ägypten starb wie auch die zwölf Patriarchen. Weiter berichtet er uns, wie sie von dort weggeschafft wurden und wo sie begraben wurden, sowohl Jakob als auch seine Söhne. Sie wurden von Ägypten aus in das Land Kanaan überführt. Jakob wurde in die Höhle Machpela gelegt, in das Grab, das Abraham von den Kindern Het gekauft hatte; Josef und seine Brüder wurden in das Grab in Sichem gelegt, das Jakob von den Söhnen Hamors gekauft hatte. …“
In dieser Erklärung wird die Integrität und Zuverlässigkeit des Neuen Testaments nicht kompromittiert, weil der Sinn der Aussage des Stephanus wahr ist. Die Kritik an der rhetorischen Form, in der er das (seine Zusammenfassung) zum Ausdruck bringt, ist schlicht eine kleinliche und wertlose Haarspalterei.
Eine rabbinische Lösung von „Widersprüchen“
Das, was wir hier getan haben, unterscheidet sich nicht von dem, was die Rabbinen tun, wenn sie offensichtliche Widersprüche in einem biblischen Text auflösen wollen. Zum Beispiel wollen wir eine Stelle betrachten, die direkt mit dem hier behandelten, historischen Ereignis zusammenhängt. Sie steht im Buch Josua:
Josua 24,32:
„Die Gebeine Josefs, die die Israeliten aus Ägypten gebracht hatten, begruben sie zu Sichem auf dem Stück Feld, das Jakob von den Söhnen Hamors, des Vaters von Sichem, für hundert Goldstücke gekauft hatte und das das Erbteil der Söhne Josef ward.“Im Artscroll Tenach Series Commentary wird ein Widerspruch festgestellt und aufgelöst (Josua, Seiten 469-470):
„Der Vers in 2.Mose (13,19) sagte im besonderen, daß es Mose war – nicht die Kinder Israel - der die Gebeine Josefs aus Ägypten brachte. Radak erklärt, Mose habe zwar den Befehl gegeben, den Leichnam Josefs wegzubringen, aber es waren die Israeliten, die diese Handlung dann tatsächlich ausführten.“
Der Talmud (Sotah 13b) leitet von der Verschiedenheit der beiden Verse einen allgemeinen Grundsatz ab. Wenn eine Person eine Mizwa beginnt und ein anderer sie vollendet, dann wird sie der zweiten Person zugeschrieben. Obwohl Mose ursprünglich Josefs Gebeine aus Ägypten brachte, war er doch nicht imstande, Erez Israel zu betreten. Somit schreibt unser Vers den Israeliten, die sich an der Aufgabe des Mose beim Transport der Gebeine Josefs nach Israel beteiligten, die gesamte Mizwa zu.
Derselbe Widerspruch und seine Auflösung wird in den Soncino Books of the Bible erwähnt: Josua und Richter (Seite 151). Da offensichtlich „Widersprüche“ wie die in Josua 24,32 und Apostelgeschichte 7,16 bestehen und mit vernünftigen Erklärungen entschärft werden können, haben wir keine Veranlassung, Tanach oder Brith Chadaschah zu kritisieren oder anzuzweifeln. Beiden können wir als Wort Gottes vertrauen.