Der Engel des Herrn

Durch den ganzen Tanach erscheint von Zeit zu Zeit diese Gestalt. Damit hängen dann immer merkwürdige und geheimnisvolle Aussagen zusammen. Zum Beispiel wird er an einer Stelle der Engel des HERRN genannt, und an anderer Stelle im gleichen Textzusammenhang wird er als Gott selbst bezeichnet. Des weiteren redet dieser Engel so, als wäre er Gott selbst, und schließlich heißt es, in ihm sei Gott gegenwärtig. Stets macht der Zusammenhang klar, daß es sich nicht um einen gewöhnlichen Engel handelt. Statt dessen ist er ein einmaliges Wesen und stellt eine sichtbare Offenbarung Gottes dar. Diese Phänomene stimmen überein mit den biblischen Angaben über das Wesen Gottes. Sie sind verständliche Wunder, wenn wir erkennen, daß Gott eine komplexe, unteilbare Einheit ist. Beispiele für solche Erscheinungen befinden sich in 1.Mose 16,7-13; 21,17-18; 22,11-12; und 31,11-13. Lassen Sie uns die Besprechung beginnen mit 1.Mose 16,7-9:

Am Anfang der Begegnung sagt Vers 7 deutlich, daß der Engel des HERRN zu Hagar spricht:

Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her, und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen. Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.1

Alles, was der Engel bis hierher gesprochen hat, paßt zu dem, was ein Bote Gottes auszurichten hat. Aber im folgenden Satz sagt der Engel etwas, das über die geschöpflichen Möglichkeiten hinausgeht. In Vers 10 heißt es:

Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, daß sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.2

Kinder zu geben ist das Werk Gottes. Aber der Engel des HERRN sagte nicht „Der HERR wird deine Nachkommen so mehren“, sondern er sagte „Ich will deine Nachkommen so mehren.“ Wieso fühlt er sich berechtigt, eine Handlung in der ersten Person anzukündigen, die nur von Gott ausgeführt werden kann?

Das Gespräch wird fortgesetzt mit den Versen 11-12, wo eine Voraussage über die charkteristischen Merkmale von Hagars erstgeborenem Sohn gemacht wird:

Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. Er wird ein wilder Mensch sein, seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.3

Nun endet der Bericht über diese Begegnung mit einer erstaunlichen Aussage Hagars. Der Engel des HERRN hat zu ihr gesprochen, doch sie identifiziert den Sprecher, indem sie abweichende Namen verwendet:

Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiß habe ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.4

Hagar deutet nicht an, daß das Wesen, das zu ihr gesprochen hat, einfach nur ein Bote Gottes gewesen sei, sozusagen ein durchschnittlicher „Betriebsengel“. Sie identifiziert den Sprecher eindeutig als Gott selbst.

Sie ist auch erstaunt, daß sie noch am Leben ist. Offensichtlich versteht sie den Grundsatz, wonach niemand Gott sehen und am Leben bleiben kann (2.Mose 33,20). Wenn der Besucher nur ein gewöhnlicher Engel gewesen wäre, so hätte Hagar nicht zu sterben gefürchtet. Aber dieser Engel wird klar identifiziert mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in 1.Mose 16,13. Der Engel des HERRN ist Gott selbst, erscheinend in der sichtbaren Form eines Engels.

Dasselbe Phänomen begegnet uns in 1.Mose 22,11-12, als Abraham im Begriff ist, seinen Sohn Isaak zu opfern. Denken Sie bitte daran, wie Gott Abraham in 1.Mose 22 befiehlt, Isaak zu opfern. Abraham bringt das Opfer seinen Sohne nicht einem Engel dar. Das ist völlig klar aus 1.Mose 22,1-2:

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.5

Im Gehorsam gegen Gott, nicht gegen einen Engel, geht Abraham fort in das Land Morija. Dann kommen wir zu den Versen 11-12:

Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts, denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohns nicht verschont um meinetwillen.6

Bitte beachten Sie, daß der Engel des HERRN in Vers 12 nicht sagt „du hast deines einzigen Sohns nicht verschont um Gottes Willen“, sondern „um meinetwillen“. Wieder wird der Engel des HERRN als Gott selbst identifiziert. Dann geschieht das merkwürdige Wunder wieder in Vers 15-18:

Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.7

Der Engel des HERRN, der zuvor als Gott selbst identifiziert wurde, wird nun als verschieden von Gott angesehen. Er spricht für Gott und sagt „spricht der HERR“. Wer ist das? Ist es Gott oder ist es ein Engel? Das Wechselpiel hin und her versetzt uns in Verwunderung und läßt sich nicht erklären. Die Antwort auf dieses Geheimnis wird uns klar, wenn wir verstehen, daß die Bibel Gott als eine komplexe, unteilbare Einheit beschreibt.

Dasselbe Wunder ereignet sich in 1.Mose 31,11-13; 48,15-16 und Richter 13,21-22. Der Engel des HERRN ist derselbe wie Gott, und doch ist er als Engel von Gott verschieden. Aber wiederum ist das alles folgerichtig, wenn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs eine komplexe, unteilbare Einheit ist. Der Engel des HERRN spricht wie Gott, doch die Heilige Schrift lehrt ebenso, daß in ihm Gottes Gegenwart vorhanden ist.

In 2.Mose 23,20-22 steht:

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe. Hüte dich vor ihm und gehorche seiner Stimme und sei nicht widerspenstig gegen ihn; denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, weil mein Name in ihm ist. Wirst du aber auf seine Stimme hören und alles tun, was ich dir sage, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Widersacher Widersacher sein.8

Ehe wir fortfahren, müssen wir das biblische und jüdische Namenskonzept erklären. In der Bibel können Namen einfach zur Identifikation dienen (wie das auch in unserer Kultur so sein kann). Aber für gewöhnlich hat ein Name in der Bibel noch viel mehr Bedeutung. Das jüdische Volk versteht das so, das es eine wesentliche Verbindung zwischen dem Namen und der dadurch bezeichneten Person gibt. Der Name einer Person repräsentiert das Wesen dieser Person.

Daran müssen wir denken, wenn Gott sagt „Mein Name ist in ihm.“ Mit anderen Worten, dieser Engel repräsentiert Gottes eigentliches Wesen. Der Engel des HERRN wird hier als gesondert von Gott gesehen, aber Gottes Name ist mit ihm verbunden. Später in 2.Mose 33,14 sagt Gott, seine Gegenwart werde mit Israel gehen. Jahrhunderte nach dieser Zeit blickt Jesaja zurück auf die Treue Gottes und sagt in Jesaja 63,9:

In all ihren Leiden litt er mit, und der Engel seiner Gegenwart befreite sie. In seiner Liebe und Barmherzigkeit erlöste Er sie selbst, hob sie empor und erhöhte sie in all den vergangenen Zeiten.9

Irgendwie ist die wirkliche Gegenwart Gottes mit diesem Engel verbunden. Bevor wir diesen Abschnitt zusammenfassen, müssen wir unser Augenmerk noch auf eine letzte Stelle richten, nämlich auf 1.Mose 32,30. Danach verbrachte Jakob, unser Patriarch, die ganze Nacht, indem er mit einem „Manne“ rang (Vers 25). Dann lesen wir in Vers 31:

Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.10

Das hebräische Wort für Gott ist hier Elohim. Jakob stellt anschließend fest, daß sein Leben verschont wurde, obwohl er Gott von Angesicht gesehen hat. Wie Hagar wußte Jakob, daß kein Mensch Gott sehen kann und am Leben bleibt. Wenn er mit einem erschaffenen Wesen gerungen hätte, mit einem Engel oder mit einem Menschen, mit jemandem geringer als Gott, dann hätte er nicht um sein Leben fürchten müssen. Jakob hatte zuvor Engel und Menschen gesehen, ohne daß er solche Bedenken ausgedrückt hat. Jetzt erkannte er, daß er mit einem Größeren gekämpft hatte, nämlich mit Gott selbst. Darum verwundert er sich darüber, daß er noch am Leben ist.

Die Übersetzung „ich habe Gott von Angesicht gesehen“ wird auch so im klassischen jüdischen Kommentar, den Soncino Books of the Bible, wiedergegeben. Der Artscroll Tenach-Kommentar übersetzt die Stelle „ich habe das Göttliche von Angesicht zu Angesicht gesehen." Der Ortsname, den Jakob nennt, lautet Pnuël; das bedeutet wörtlich „Angesicht Gottes“, „Gott begegnen“, „mein Angesicht zu Gott gewandt“ oder auch „sich zu Gott hinwenden“. Niemand bestreitet, daß sich der Name auf Gott bezieht und nicht auf einen Menschen oder einen Engel.

Jakob rang mit Gott selber. Weil er davon völlig überzeugt war, wählte er den Namen für diesen Ort. An diesem Punkt müssen wir noch einige Fragen stellen. Kann man mit Gott ringen? Kann man Gott von Angesicht sehen? Ja, wenn Gottes Natur eine komplexe, unteilbare Einheit ist.

Lassen Sie mich an ein früher angeführtes Zitat erinnern. In dem Abschnitt über die Schechina brachte ich eine Aussage von Rabbi Albo, und die möchte ich hier wiederholen. Beachten Sie, was Rabbi Albo über den Engel des HERRN sagt:

Die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes ereignet sich mit Hilfe eines Körpers, der für die Sinne sichtbar wird, wie zum Beispiel ein Feuer oder eine Wolkensäule … ein verzehrendes Feuer … eine Wolke … der Engel des HERRN … eine Feuerflamme … die Herrlichkeit des HERRN, die den Propheten erschien, ging von Gottes eigenem Wesen aus … 11

Mit anderen Worten, auch Rabbi Albo versteht, daß der Engel des Herrn die sichtbare Offenbarung der Gegenwart Gottes ist.

Nachdem wir den Beweis überprüft haben, erkennen wir eine fortschreitende Enthüllung im Tanach, daß Gott eine komplexe, unteilbare Einheit ist, die aus drei Persönlichkeiten besteht. Es gibt nur einen Gott. Er ist eine herrliche, gerechte, liebende Persönlichkeit, die uns in Pracht und Herrlichkeit bei weitem übertrifft. Diese Offenbarung wird im Tanach eröffnet und schrittweise weiter entwickelt. Sie erreicht ihren Höhepunkt in der Brith Chadaschah mit der guten Nachricht über Jeschua, unseren Messias. Der Begriff der Dreieingkeit ist kein heidnisches Konzept, wie vom Anti-Missionar behauptet. Er ist ein jüdischer Begriff, der seine Wurzeln hat im Text der Heiligen Schrift, in der jüdischen Kultur, und in den rabbinischen Schriften.

 

1 Tanakh, 1.Mose 16,7
2 Ibid, 1.Mose 16,10
3 Ibid, 1.Mose 16,11-12
4 Ibid, 1.Mose 16,13
5 Ibid, 1.Mose 22,1-2
6 Ibid, 1.Mose 22,11-12
7 Ibid, 1.Mose 22,15-18
8 Ibid, 2.Mose 23,20-22
9 Ibid, Jesaja 63,9; Übersetzung nach dem englischen Tanakh
10 Ibid, 1.Mose 32,31
11 Bleich, p. 198