Die hebräischen Schriften lehren auch den Begriff eines Gott-Menschen. Nicht ein Mensch macht sich selbst zum Gott, sondern Gott erscheint auf Erden als ein Mensch. Ein Beispiel ist Sacharja 13,7, wo in der ersten Vershälfte steht:
Schwert, mach dich auf über meinen Hirten, über den Mann, der mir der nächste ist!1
Das Leitwort in diesem Satz ist das Wort, das hier mit „der nächste“ übersetzt wird. Eine andere Übersetzung sagt „der mir nahe steht“.
Dr. Fruchtenbaum gibt die Bedeutung des Wortes mit „der mir gleichgestellt ist“ an und bemerkt:
Dieser Mann ist Gott gleichgestellt, und als solcher muß er Gott selbst sein. Auf der einen Seite wird sein Menschsein betont: „der Mann“; und dann ist seine Gottheit betont: „der mir gleich ist“.2
The Bible Knowledge Commentary stimmt damit überein, wobei er die NIV-Übersetzung verwendet:
Der HERR fügt hinzu, daß dieser Hirte der Mann ist, der mir nahe steht. Das hebräische Wort, das mit „nahe stehen“ übersetzt wird, finden wir sonst nur noch im 3.Mose (5,21; 18,20; u.a.), wo es sich auf nahe Verwandte bezieht. … In Sacharja 13,7 beansprucht der HERR eine naturgemäße Identität oder Wesenseinheit mit seinem Hirten, und damit wird die Gottheit des Messias deutlich bekräftigt.3
Im Gegensatz zu diesen Übersetzungen sagt die jüdische Tanakh-Übersetzung von 1997:
O Schwert! Erhebe dich gegen meinen Hirten, den Mann, i-der für meine Herde verantwortlich ist-i.4
Wie Sie sehen, ist die Wiedergabe des hebräischen Leitwortes hier sehr verschieden von den anderen Übersetzungen. Warum ist das so? Eine Begründung wird in der Fußnote gegeben. In meiner elektronischen Version wird die Redensart von zwei hochgestellten „I“s umschlossen. In der Fußnote folgt dann die Erklärung „die hebräische Bedeutung ist ungewiß“. Das ist ein recht erstaunlicher Standpunkt. Niemand sonst hat ein Problem mit diesem Wort einschließlich der Jewish Publication Society (JPS). In den dort heraus-gegebenen Bibeln von 1917, 1945 und 1955 wurde das Wort übersetzt „der Mann, der mir nahe steht“. In diesem Sinne sagten es auch andere Übersetzungen:
Soncino Books of the Bible (Übersetzung im Bibeltext): der Mann, der mir nahe steht
Soncino Books of the Bible (Übersetzung im Kommentar) : der Mann, der mein Gefährte
ist
Septuaginta: Bürger (citizen), Freier (freeman), Mitbürger (fellow citizen)
American Standard Version: mein Gefährte
Revised Standard Version: der Mann, der neben mir steht
New Living Translation: mein Partner
The Contemporary English Version: Freund
King James: mein Gefährte
New American Standard: mein Gesellschafter (associate)
New International Version: der Mann, der mir nahe steht
The New King James Version: mein Begleiter (companion)
Brown, Driver, Briggs Lexicon: Gesellschafter, Gefährte, Verwandter
Theological Wordbook of the Old Testament: Gesellschafter, Gefährte, Verwandter
New American Standard Hebrew-American and Greek Dictionaries: Gesellschafter,
Gefährte, Verwandter
Enhanced Strong’s Lexicon: Verwandter, Nachbar, Gesellschafter, Gefährte
Diese anderen Werke haben offensichtlich kein Problem mit dem Verstehen des Wortes. Die Tanakh-Ausgabe von 1997 scheint das Gewicht und die Bedeutung des Textes nicht zu erkennen. Es sieht vielmehr so aus, als ob sie ihn verschleiern möchte. Jedoch ist hier das Konzept des Gott-Menschen vorhanden, und es unterstützt den Gedanken einer komplexen, unteilbaren Einheit innerhalb der Gottheit. Wir finden das Konzept vom Gott-Menschen auch in Micha 5,1; Sacharja 12,10; Psalm 80,18; Psalm 110,1. Micha 5,1 sagt aus, daß der Messias von ewigen Zeiten her gewesen ist, was darauf hindeutet, daß er Gott ist; er sollte aber auch in Bethlehem geboren werden, was anzeigt, daß er zugleich ein Mensch ist. In Sacharja 12,10 wird Israel den Gott ansehen, den sie durchbohrt haben. Nach Psalm 80,18 und 110,1 wird der Messias auf einem Ehrenplatz zur rechten Hand Gottes sitzen und ihm damit gleichgestellt sein.
Hier soll noch ein letzter, hilfreicher Gedanke von Rabbi Albo erwähnt werden. In dem Buch von J. David Bleich, With Perfect Faith, zitiert er Rabbi Albo, der erklärt, wie er sich vorstellt, daß die Propheten ihre Offenbarungen empfangen haben. Albo braucht dazu die Bereschit Rabbah:
Ein Samaritaner fragte Rabbi Meir: „Ist es möglich, daß Gott, von dem geschrieben steht ‚Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?‘ (Jeremia 23,24), zu Mose aus der Mitte der Stangen heraus, mit denen die Bundeslade getragen wurde, gesprochen haben sollte?“ Da sagte Rabbi Meir zu ihm: „Bringe mir große Spiegel.“ Als er sie ihm brachte, sagte Rabbi Meir: „Sieh dein Spiegelbild an.“ Er blickte hin und sah, daß es sehr groß war. Dann sagte der Rabbi: „Bringe mir kleine Spiegel.“ Er sah hin und stellte fest, daß er sehr klein aussah. Daraufhin sagte Rabbi Meir: „Wenn du, ein Mensch von Fleisch und Blut, dich nach Gutdünken in mancherlei Gestalt verändern kannst, dann kann Gott, der die Welt geschaffen hat, das gewiß auch tun.“
In den Spiegeln erscheinen die Dinge in unterschiedlicher Form, groß oder klein, gerade oder krumm, hell oder dunkel, je nachdem wie der Spiegel beschaffen ist. Das heißt, der Spiegel macht sie so, ohne daß sie sich selbst verändern müssen. Ebenso erscheint Gott den Propheten in vielen und unterschiedlichen Formen, abhängig von der Helligkeit und Reinheit des Mediums, aber Gott selbst vervielfacht oder verändert sich nicht. Die Veränderung und Vielgestaltigkeit kommt vom Medium, wie in der Illustration von den Spiegeln.5
Der Zusammenhang besteht hier darin, daß Albo gut dargestellt hat, wie Gott sich dem Menschen durch eine Vielfalt von Medien wie Wolken, Feuer u.a. offenbart hat. Das Mittel, das er dafür im Falle des Messias nutzte, ist ein menschlicher Leib. Gott hat sich nicht vervielfacht oder verändert. Er benützte lediglich ein spezielles Ausdrucksmittel. Das Gott-Mensch-Konzept steht der Schrift nicht entgegen, und es enthält den Beweis für eine komplexe, unteilbare Einheit.
1 New American Standard Bible: 1995 update. 1995 (Zec. 13:7). LaHabra, CA: The Lockman Foundation
2 Fruchtenbaum, p. 11
3 Walvoord, Electronic edition.
i- Bedeutung des hebräischen Textes unsicher
-i Bedeutung des hebräischen Textes unsicher
4 Jewish Publication Society. (1997, c1985). Tanakh: The Holy Scriptures: A new translation of the Holy Scriptures according to the traditional Hebrew text. Philadelphia: Jewish Publication Society.
5 Bleich, pp. 334-335