Disqualifiziert für die Führerschaft

Re’uben für Mangel an Selbstbeherrschung1 -1.Mose 49,3-4

„Ruben, mein erster Sohn bist du, meine Kraft und der Erstling meiner Stärke, der Oberste in der Würde und der Oberste in der Macht. Weil du aufwalltest wie Wasser, sollst du nicht der Oberste sein; denn du bist auf deines Vaters Lager gestiegen, daselbst hast du mein Bett entweiht, das du bestiegst.“

Re’uben war der biologisch Erstgeborene, und als solcher hätte er Jakobs geistlicher Erbe sein sollen. Nach dem natürlichen Recht war er dazu bestimmt, den ersten Rang unter seinen Brüdern einzunehmen, der Anführer der Stämme zu sein und einen zweifachen Erbteil zu erhalten. Das hat Re’uben verwirkt und somit diese Vorrechte verloren.

Sein Anrecht auf einen doppelten Erbteil gründet sich auf 5.Mose 21,17:

„Sondern er soll den Sohn der ungeliebten Frau als den ersten Sohn anerkennen und ihm zwei Teile geben von allem, was vorhanden ist; denn dieser ist der Erstling seiner Kraft, und sein Recht ist das der Erstgeburt.“

Weil der Erstgeborene das erste Kind in der Jugend des Vaters war, wurde ihm ein zusätzlicher Anteil am Nachlaß des Vaters zugesprochen. Wenn es zum Beispiel in einer Familie fünf Söhne gab, wurde das Erbe in sechs Teile geteilt. Zwei Teile erhielt der Erstgeborene, und die übrigen vier Teile erhielten die vier jüngeren Söhne. Es war aber nicht Re’uben, der Erstgeborene von Jakobs Frau Lea, der die doppelte Portion eines Erbteils bekam. Diese wurde Joseph gegeben, dem Erstgeborenen von Jakobs Frau Rachel (1.Mose 48,21-22).

„Und Israel sprach zu Joseph: Siehe, ich sterbe; aber Gott wird mit euch sein und wird euch zurückbringen in das Land eurer Väter. Ich gebe dir ein Stück Land vor deinen Brüdern, das ich mit meinem Schwert und Bogen aus der Hand der Amoriter genommen habe.“

Da erhebt sich natürlich die Frage: „Was hat diesen Verlust verursacht?“

Jakob beantwortet diese Frage in Vers 4, indem er Re’ubens moralischen Charakter beschreibt. Er vergleicht Re’uben mit einer unkontrollierten, zerstörerischen Flut, die durch ein trockenes Wadi im Heiligen Land strömt. Wie ein aufgewühlter, strömender Sturzbach besitzt er keine moralische Selbstbeherrschung. Einmal überschritt mangelnde Selbst-disziplin ihre Grenzen in moralischer Unbesonnenheit, durch die sein Vater erniedrigt wurde. Die kurze Erklärung trifft genau den Punkt: "Denn du bist auf deines Vaters Lager gestiegen, daselbst hast du mein Bett entweiht, das du bestiegst.“ Jakobs Begründung bezieht sich auf 1.Mose 35,22, wo Re’uben mit Bilha, der Konkubine Jakobs, schlief. Re’uben verletzte seines Vaters Ehre und verlor damit die Führerschaft in Israel. Auf Grund dessen erlangte sein Stamm im Volk Isrel keine einflußreiche Stellung. Er besaß die nötige Geburtsstellung, Würde und Gelegenheit, aber er hatt keine Charakterstärke.

Wir zitieren Rabbi Hertz aus dem Hertz-Pentateuch:

Hier betont die Schrift den Gedanken, daß ein moralischer Charakter ein wichtigerer Faktor ist als das geerbte Recht.2

Diese Übertragung des Privilegs und der Grund, der dazu führte, wird auch in 1.Chronik 5,1-2 bestätigt:

„Die Söhne Rubens, des Erstgeborenen Israels – denn er war zwar der Erstgeborene, aber weil er seines Vaters Bett entweihte, wurde sein Erstgeburtsrecht gegeben den Söhnen Josefs, des Sohnes Israels, doch wurde er nicht in das Geschlechtsregister als Erstgeborener aufgezeichnet; denn Juda war mächtig unter seinen Brüdern, und einem aus seinem Stamm wurde das Fürstentum gegeben, Josef aber erhielt das Erstgeburtsrecht.

Die Entwicklung unseres persönlichen Charakters wird unsere Belohnung in dieser Welt bestimmen. Wenn wir unmoralisch sind wie Re’uben, werden wir auch die Konsequenzen unserer fehlenden Moral tragen. Jakobs Bemerkungen zu Juda sind vollständig.

Jetzt wendet sich Jakob zu den nächsten beiden zweitältesten Söhnen, zu Simeon und Levi, in Vers 5-7.

Simeon und Levi für Grausamkeit3 - 1.Mose 49,5-7:

„Die Brüder Simeon und Levi, ihre Schwerter sind mörderische Waffen. Meine Seele komme nicht in ihren Rat, und mein Herz sei nicht in ihrer Versammlung; denn in ihrem Zorn haben sie Männer gemordet, und in ihrem Mutwillen haben sie Stiere gelähmt. Verflucht sei ihr Zorn, daß er so heftig ist, und ihr Grimm, daß er so grausam ist. Ich will sie versprengen in Jakob und zerstreuen in Israel.“

Re’uben war Jakobs erstgeborener Sohn, Simeon war sein Zweitgeborener und Levi der Drittgeborene. Jakob erklärt Simeon und Levi, daß die Würden, die Re’uben verwirkt hatte, nun ihnen als Nächsten zugestandfen hätten. Aber auch sie waren ihrer nicht wert wegen ihrer Grausamkeit.

Simeon und Levi werden zusammengenommen, weil sie die Anstifter des Blutvergießens in der Stadt Sichem waren (1.Mose 34,.25). Sie waren nicht nur biologisch Brüder. Sie waren auch Brüder im Denken und Handeln, in Rat und Tat, in Gewalttätigkeit und Grausamkeit. Jakob protestierte heftig gegen die beiden Söhne und ihren Angriff auf die wehrlose Stadt. Hier spricht er sein endgültiges Urteil über ihre Tat. Die zwei Stämme sollten ihre Gebietsanteile im Land verlieren. Simeon wurde schließlich der schwächste aller Stämme. Er erhielt keine besondere Landzuteilung als Erbteil; er bekam lediglich eine Anzahl Städte im Gebiet von Juda. Schließlich ging er im Stamm Juda auf.

Auch Levi erhielt kein besonderes Erbteil im Land. Er bekam eine Anzahl Städte zugeteilt, in denen er wohnen konnte, verstreut durch die Besitztümer seiner Brüder. Die Zerstreuung Levis wurde aber in Segen verwandelt, denn er empfing das Vorrecht der Priesterschaft. Nach 2.Mose 32,28-29 standen die Leviten auf der Seite des HERRN, während das übrige Volk das goldene Kalb anbetete. Wegen dieser ihrer Hingabe wurden sie vom HERRN für besonderen Dienst ausgesondert. So wurden sie dann zum priesterlichen Stamm. Indem sie als Priester über das ganze Land verstreut wurden, waren sie dafür verantwortlich, dem Volk die Heiligen Schriften zu erklären.

Bevor wir diesen Abschnitt verlassen, möchten wir noch auf einen Grundastz verweisen, den der jüdische Kommentator Raschi erwähnt. Er betrachtet Jakobs Fluch in 1.Mose 49,7 und bemerkt dazu: „Er verfluchte nicht sie, sondern ihre Wut.“ 4 Wir sagen oft: „Gott haßt die Sünde, aber Er liebt den Sünder.“ Nach Raschis Meinung haben wir hier ein Beispiel, wie dieser Grundsatz sich auswirkt.

Der Talmud, Berachot 10A, drückt das so aus:

Die Gerechten beten um die Vernichtung der Sünde, aber nicht der Sünder. Laßt die Sünder Buße tun, damit sie überleben, während ihre Sünden nicht länger existieren.

Die Bibel verwendet eine Vielfalt von Redewendungen, die diesen Grundsatz immer wieder bekräftigen:

Micha 7,19:
Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Psalm 103,12:
So fern der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein.

Jesaja 38,17:
Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Jesaja 43,25:
Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.

Das ist genau das, was wir brauchen, nicht wahr? Und genau deswegen verkündigen wir das Evangelium. Wir möchten, daß Sünder umkehren, daß sie sich ihre Sünden vergeben lassen und vor dem Zorn Gottes verschont bleiben.

Simeon und Levi erlitten Bestrafung für ihr Versagen, aber sie wurden nicht vom Volk Israel ausgeschlossen. Goitt liebte sie, aber er liebte nicht ihre Sünde. Wegen ihrer Sünden wurden sie zwar in den Hintergrund gestellt, doch sie verloren deshalb nicht ihren Anteil am Bund Gottes mit Abraham.

Dasselbe gilt auch für uns. Kein wahrhaftig Glaubender wird jemals die Gabe des ewigen Lebens verlieren, die Gott ihm gegeben hat um seines Vertrauens zu Jeschua (Jesus) willen. Wir können aber in den Hintergrund gestellt werden um unserer Sünden willen. Unser Dienst wird behindert, und unsere Belohnung wird verringert. Das Wachstum unseres persönlichen Charakters bestimmt unseren Lohn in dieser Welt. Wenn wir wie Simeon und Levi grausam und gewalttätig sind, werden wir die Konsequenzen unserer Grausamkeit und Gewalttätigkeit ebenso ernten.

Nun wollen wir Jakobs vierten Sohn, Juda, laut Vers 8-9 behandeln.

 


1 The Artscroll Tanach Series, Bereishis Vol. 6, pp. 2134-2138; Commentary on the Old Testament, Vol. 1, pp. 389-390; Expositor's Bible Commentary, Vol. 2, p.275; Soncino Books of the Bible, "Chumash," pp. 302-303; Pentateuch and Haftorahs, pp. 183-184
2 Pentateuch and Haftorahs, p. 184
3 The Artscroll Tanach Series, Vol. 6, pp. 2138-2142; Biblical Commentary on the Old Testament, Vol. 1, pp. 390-392; Expositor's Bible Commentary, Vol. 2, pp. 275-276; Soncino Books of the Bible, p. 303; Pentateuch and Haftorahs, p. 184
4 Silbermann, Rabbi A.M., Chumash With Rashi, Bereshit (Jerusalem, Israel: Feldheim Publishers Ltd., 1994), p. 244