Obwohl einige jüdische Quellen die Prophetie für messianisch ansehen, wird diese Ansicht nicht von allen geteilt. Vielmehr lehnt die jüdische Gemeinschaft Jeschua als Messias ab, und das gilt auch für die Erfüllung der Prophetie in Jeschua. Wenn das so ist, befinden wir uns dann im Irrtum? Und wenn wir diese Prophetie nur irrtümlich mit Jeschua in Verbindung bringen, was wäre dann eine bessere Position? Was wäre eine vernünftige und verantwortungsbewußte, alternative Anschauung? Mit diesen Fragen im Sinn lassen Sie uns nun jüdische Erklärungen und jüdische Einwände prüfen, die sich gegen unsere Meinung richten, diese Prophetie handle von Jesus von Nazareth.
Es werden drei verschiedene Positionen vorgelegt, die naturalistische, die symbolische und die individualistische Position. Wir wollen anfangen mit der naturalistischen Erklärung von 1.Mose 3,15.
Naturalistisch:
Die naturalistische Erklärung der Prophezeiung versteht diese als Voraussage eines Konflikts zwischen Menschen und Schlangen. Die Schlange wird gerichtet und verliert ihre Beine. Sie wird von der Menschheit als Feind behandelt.
Diese Position wird von Dr. Hertz im Hertz Pentateuch so zusammengefaßt:
Der Anblick einer Schlange wird im Menschen Abscheu verursachen, und die Furcht vor dem tödlichen Stich wird ein instinktives Verlangen hervorrufen, sie zu vernichten … Wegen ihrer Position auf dem Erdboden greift die Schlange die Ferse des Menschen an, während der Mensch ihr den tödlichen Schlag versetzt, indem er ihr den Kopf zertritt. Darum wird der Mensch den Sieg behalten.1
Der jüdische Kommentar The Soncino Books of the Bible sagt etwas Ähnliches dazu und faßt seine Position zusammen, indem er die Auslegung des geachteten jüdischen Kommentators Raschi wiedergibt.
Die Schlange sündigte wegen ihres Verlangens nach der Frau; Die Folge wird das Gegenteil dessen sein, was sie sich erhoffte … Die Schlange wird keine Körpergröße mehr haben und lediglich imstande sein, dem Menschen in die Ferse zu stechen.2
Um diese Auslegung zu verstehen, brauchen wir unbedingt eine Hintergrundinformation. Das ist die Tatsache, daß alle wörtlichen hebräischen Pronomen (Fürwörter) unseres Textes in der Einzahl stehen. Trotzdem änderte die Jewish Publication Society hier die Anzahl der Personen in ihrer Übersetzung, damit der Text zur naturalistischen Position paßt.
Die Version der Jewish Publication Society lautet folgendermaßen (kursiv von mir):
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; sie sollen dir den Kopf zertreten, und du wirst ihnen in die Ferse stechen.
Während die beiden Sätze wörtlich die Einzahl verwenden „er soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm in die Ferse stechen“, wird hier in beiden Fällen die Mehrzahl verwendet. Das ergibt einen Kampf zwischen Menschheit und Schlangen anstatt zwischen zwei Individuen – nämlich zwischen dem Messias und Satan.
Die Übersetzung im Artscroll Tenach ist für Juden gedacht, die Hebräisch können. Sie müssen keine Fürwörter ergänzen, wenn sie hebräische Fürwörter übersetzen, die in der Einzahl stehen (kursiv von mir).
Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Der Artscroll Tenach übersetzt den Vers richtig, aber dann fährt er trotzdem auf naturalistische Weise fort und zitiert die Position von Ramban:
Der Mensch wird seinen Vorteil nutzen im Konflikt zwischen ihm und der Schlange, denn er wird den Kopf der Schlange zerstampfen, aber die Schlange wird ihn nur in genau die Ferse stechen, mit der er ihren Kopf zertritt.3
Dieses Verständnis der Prophetie schlägt dem Kontext direkt ins Gesicht. Die Prophetie verlangt das Erscheinen eines übernatürlichen Erlösers von der Sünde und will nicht sagen, der Mensch sei imstande, auf Schlangen zu treten, um sie zu töten, und die Menschheit habe natürlicherweise einen Abscheu vor Schlangen. Das ist eine seichte Position, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt.
Symbolisch:
Die symbolische Position erklärt, daß der Text etwas lehrt über den Kampf zwischen guten und bösen Menschen. Die Nachkommen der Frau sind die guten, und die Nachkommen der Schlange sind die bösen Menschen.
Der fragmentarische Targum zum Pentateuch nimmt diese Stellung ein und beschreibt den Konflikt als ein Bild von solchen, die fleißig und gehorsam die Tora studieren im Gegensatz zu denen, die nicht mit einem gewissenhaften, willigen Studium beschäftigt sind. Wenn das Torastudium vernachlässigt wird, so entsteht eine geistliche Leere, die von Satan ausgenutzt wird. Wenn man das Torastudium pflegt, dann wird der Studierende es schaffen, Satan zu überwinden.
Und es wird geschehen, wenn die Söhne der Frau die Tora fleißig studieren und ihren Befehlen gehorchen, dann werden sie sich selbst dazu bringen, dich am Kopf zu packen und dich zu erschlagen; aber wenn die Söhne der Frau die Gebote der Tora verlassen und ihren Anweisungen nicht gehorchen, so wird es dir die Gelegenheit verschaffen, ihnen in die Ferse zu beißen und sie zu verletzen. Jedoch wird es ein Heilmittel für die Söhne der Frau geben, während es für dich, Schlange, kein Heilmittel gibt. Sie werden Frieden machen miteinander am Ende, am allerletzten Ende der Tage, in den Tagen des Königs Messias.4
Der Artscroll Tenach Kommentar beurteilt diese Schriftstelle deutlich als symbolisch.
Man mag sagen, die Schlange sei zum Symbol für den Kampf des Menschen gegen seine Lüste geworden. So sagt der Vers deutlich: Dem Menschen ist eine größere Macht über seine Lüste gegeben, als diese über ihn haben. Der Mensch kann seinen Lüsten auf den Kopf treten, sie können ihn höchsten an der Ferse ergreifen. Des weiteren sind die Lüste so wie eine Schlange von größter Gefahr für den Menschen, wenn er unachtsam ist. Ist er aber wachsam, so kann er ihnen aus dem Wege gehen. Und genauso wie Schlangen am gefährlichsten sind, wenn sie gereizt werden, so sollten die Lüste nicht geweckt und angeregt werden.5
Hier ist die Schlange ein Symbol der Lust. Die Menschheit bekämpft ihre Sehnsüchte und hat das Potential, sie zu besiegen.
Ein angesehener Rabbi, Rabbi Sforno, ist auch der Ansicht, die Stelle sei symbolisch. Seine Position wird zusammengefaßt im Artscroll Mesorah Kommentar.
Die Schlange repräsentiert den bösen Trieb.6
Schließlich nehmen einige jüdische Kommentatoren eine Haltung ein, die wir als die individualistische Position bezeichnen wollen.
Individualistisch:
Anstatt diese Prophezeiung nur einfach naturalistisch oder symbolisch hinsichtlich guter und böser Menschen zu betrachten, sehen manche Kommentatoren das Kind als den Engel des Herrn (siehe vorher Targum Jonathan) und deshalb als messianisch. Die Übersetzung im Targum Onkelos bewertet die Prophezeiung ebenfalls als individualistisch, stellt aber keine ausdrückliche, messianische Verbindung her.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Sohn und ihrem Sohn. Er wird dich daran erinnern, was du ihm getan hast vom (am) Anfang an, und du sollst dich am Ende vor ihm in acht nehmen.7
Schlußfolgerung:
Abschließend läßt sich sagen, daß die symbolische Position, die von den Rabbinern überwiegend vertreten wird, uns aus einer Anzahl von Gründen keineswegs beunruhigen sollte. 1) Der hebräische Text spricht in der Einzahl von wirklichen Individuen. 2) Die Tatsache, daß der hebräische Text die Einzahl anwendet, wird anerkannt – oder vielleicht sollten wir sagen, ist offensichtlich – für diejenigen, die Hebräischkenntnisse haben. 3) Der Text bewegt sich von der individuellen Frau und Schlange zu den kollektiven Nachkommen der Frau und der Schlange und dann zurück zum individuellen Messias und dem individuellen Satan. Das ist wörtliche Prophetie mit wörtlicher Erfüllung.
Die Rabbiner sind geteilter Meinung hinsichtlich der Bedeutung von 1.Mose 3,15. Sie geben sich große Mühe, den Folgerungen der singularen, individuellen Position auszuweichen. Aber wir sind nicht allein. Rabbi Tanchuma, Rabbi Kimchi und die Targumim halten das für einen messianischen Vers. Demzufolge befindet sich unsere Position sehr wohl innerhalb des Jüdischen Verständnisses dieser Prophezeiung. Der Messias wird ein menschliches Wesen sein, ein Mann. Er wird allerdings von einmaliger Geburt sein, denn er ist auch eine übernatürliche Person. Tatsächlich wird er der Gott-Mensch sein, der den Satan besiegt. In diesem Kampf wird die messianische Person verwundet werden, aber Er wird siegreich den Kopf Satans zertreten.
1 Hertz, Dr. J.H., The Pentateuch and Haftorahs, (London, England: Soncino Press, 1987), p.12
2 Cohen, Dr. A., Soncino Books of the Bible, (New York, NY: The Soncino Press, Ltd., 1992); The Soncino Chumash, p.15
3 Scherman and Zlotowitz, Gen. Eds., Artscroll Tanach Series, Bereishis Volume 1 (Brooklyn, NY: Mesorah Publications, 1977), p. 130
4 Huckel, T. The Rabbinic Messiah (Ge. 4:7), (Philadelphia: Hananeel House, 1998).
5 Artscroll Tanach Series, Bereishis Volume 1 (Brooklyn, NY: Mesorah Publications, 1977), p. 130
6 Pelcovitz, Rabbi Raphael, Sforno, Commentary on the Torah, (Brooklyn, NY: Mesorah Publications, 1987), p. 32
7 Evidence that Demands a Verdict, p. 145