1.Mose 49,10:
Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, bis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen.
Dieser Vers ist ein außerordentlich bedeutsamer, messianischer Vers.
Rabbi Zlotowitz, einer der Herausgeber des orthodoxen, jüdischen Artscroll Tenach-Kommentars bemerkt folgendes:
Die allgemeine Übereinstimmung [mit wenigen Ausnahmen] in der rabbinischen Auslegung ist, daß dieser Vers sich auf das Kommen des Messias bezieht. Er stellt die hauptsächliche Quelle in der Tora dar für den Glauben, daß der Messias kommen wird. 1
… die überwältigende Übereinstimmung der rabbinischen Kommentare legt diesen Vers aus als Anspielung auf den Messias. 2
Laut Rabbi Zlotowitz ist dieser Vers fundamental. Er ist der Grundstein, auf dem unser Verständnis vom Kommen des Messias beruht. Mindestens 13 prominente, rabbinische Kommentatoren stimmen darin überein, daß dies ein messianischer Vers ist. Und 13 jüdische Menschen dahin zu bringen, daß sie eine übereinstimmende Meinung haben, ist schon ein Wunder an sich.
Raschi sagt, der Vers beziehe sich auf den Messias. 3 Targum Onkelos gibt den Vers so wieder, daß er sich auf den Messias bezieht. 4 Nachmanides stimmt damit überein, 5 ebenso Rabbi Aschtruk im Kommentar ‚Midraschei Torah‘, 6 Gur Arjeh, 7 Rabbi Sforno, 8 Midrasch Tanchuma, 9 der Jerusalemer Targum, Targum Pseudo-Jonathan, Jalqut, 10 der Talmud 11 und Midrasch Rabbah. 12
Es ist kein Wunder, daß Schlomo Riskin zustimmt:
… unsere Weisen verstanden es so, daß der ursprüngliche Hinweis auf das Auftauchen einer messianischen Linie im Judentum in dem Segen über Juda enthalten ist. Dieser ist der Vorläufer von Boas, Isai und David, dem Modell und Vorfahren des lange erwarteten Messias. 13
Lassen Sie uns einen so bedeutenden Vers der Heiligen Schrift untersuchen. Wir beginnen mit dem Zepter in Vers 10.
Ein Zepter war zuerst der Stab des Schafhirten. Die Herrscher in Israel wurden ebenso als Hirten ihres Volkes angesehen. Das war vielleicht einer der Gründe, warum Gott den David zum König Israels erwählte. David war ein Schafhirte gewesen. Dadurch gewann er das richtige Verständnis für die Rolle eines Anführers. Darum sprach auch Jeschua von sich als von dem „guten Hirten“.
Das Zepter ist auch ein Symbol der Königsherrschaft 14 und der königlichen Befehlsgewalt. 15 In der Hand des Herrschers wurde es zum Symbol seiner Macht. 16 Der König hielt das Zepter in seiner Hand, während er auf öffentlichen Versammlungen sprach. Wenn er auf seinem Thron saß, stellte er das Zepter zwischen seine Füße und neigte es zu sich hin. Das sehen wir deutlich in Psalm 60,9 und 108,9. Beide Verse lauten:
„Gilead ist mein, mein ist Manasse, Ephraim ist der Schutz meines Hauptes, Juda ist mein Zepter.“
Die Vorstellung wurde bis in unsere Zeit übernommen in den Leib des Messias. Die Leiter einer örtlichen Gemeinde werden als die Unter-Hirten des „guten Hirten“ angesehen.
Hier sind wir nun bei einem Teil von Vers 10 angelangt, der das Vergießen von unzähligen Litern Tinte auf Papier verursacht hat. Das ist die Aussage, die von manchen Bibeln übersetzt wird „bis Schiloh kommt" (Luther: „bis daß der Held komme“). Fünf verschiedene Meinungen wurden durch diese schwierige Stelle hervorgerufen, und jede hat ihre eigenen Befürworter. Wir wollen nicht alle fünf Meinungen erläutern. Es genügt zu sagen, daß wir die Position betrachten werden, die am meisten Unterstützung durch den Textzusammenhang hat und in den Kontext paßt.
Der genaue Wortlaut der Aussage wird verschieden übersetzt. Viele Übersetzungen geben sie etwa so wieder: „Das Zepter wird nicht von Juda weichen noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis Schiloh kommt…“ Dabei wird „Schiloh“ als ein Titel für den Messias aufgefaßt. So wurde 1.Mose 49,10 die Quelle für den Namen des Messias. 17
Beispielsweise sagt Sanhedrin 98a:
„Wie lautet der Name des Messias? Die aus der Schule von Rav Schila sagten: „Sein Name ist Schiloh.“
Leider wird die Bedeutung der Redewendung verdunkelt, wenn man das Wort „Schiloh“ so verwendet, als wäre es ein Eigenname für den Messias. 18
Dieses Wort „Schiloh“ sollte als substantivisches Possessivpronomen (hauptwörtlich gebrauchtes, besitzanzeigendes Fürwort) gebraucht werden und nicht als Eigenname. So übersetzt die Septuaginta den Vers wie auch die syrische Version. Diese Deutung wird ferner unterstützt durch den Vergleich mit Hesekiel 21,32. 19 Dort wird eine ähnliche Redewendung und Konstruktion gebraucht.
Darum lautet die beste Übersetzung wie in der englischen New International Version (NIV):
„Das Zepter wird von Juda nicht weichen noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen, bis der kommt, dem es gehört (oder: zusteht) …“
Gemeint ist damit, daß Juda seine Identität und seinen Herrschaftsanspruch nicht verlieren kann, bis jemand, der den vollen Anspruch auf das Herrschaftsrecht hat, kommen wird. Die vom Hause Juda, die regieren werden, tun das in Vorwegnahme für denjenigen, dem die Königsherrschaft in Wahrheit gehört.
Nun müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf den kleinen Zeitindikator „bis“ lenken. Die Prophezeiung dreht sich um das Wort „bis“.
Das Zepter (Herrscherstab und Judas Herrschaft) wird nicht weichen „bis“ nach dem Erscheinen des Messias. Das ist der wirkliche Schlüssel und die Bedeutsamkeit des Verses. Der Messias wird kommen müssen, ehe der Stamm Juda seine Prominenz und Identität verliert. Dadurch wird ein deutlicher Zeitabschnitt für diese Prophetie gesetzt. Die Zeit der Erscheinung des Messias ist das Wichtigste daran.
Wann verlor der Stamm Juda seine Prominenz und Identität? Die Berichte der Stammes-zugehörigkeit wurden aufbewahrt und untergebracht im Tempel. Alle diese Berichte gingen bei der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 A.D. verloren. Innerhalb weniger Generationen hatten alle Stämme Israels mit Ausnahme von Levi ihre Identität verloren. Da der Stamm Juda seine Prominenz und Identität im Jahre 70 einbüßte, können wir deutlich sehen, daß der Messias irgendwann vor dem Jahre 70 gekommen sein muß. Es ist unmöglich, daß der Messias erst nach 70 A.D. kommt. 20
Eine faszinierende Bemerkung finden wir in dem Buch Pugio Fidei von Raymond Martin. 21
Ein wenig mehr als 40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels wurde den Juden die Vollmacht genommen, Todesurteile zu verkündigen. Als die Mitglieder des Sanhedrin sahen, daß man sie ihres Rechts über Leben und Tod beraubt hatte, ergriff eine allgemeine Bestürzung Besitz von ihnen. Sie bedeckten ihre Häupter mit Asche, bekleideten sich mit Säcken und riefen aus: „Wehe uns, das Zepter ist von Juda gewichen und der Messias ist nicht gekommen!“ 22
Der Sanhedrin irrte sich. Im Jahre 30 A.D. war der Messias gekommen, genau wie es in 1.Mose 49,10 vorhergesagt worden war. Der springende Punkt ist, daß die alte jüdische Auslegung unmißerverständlich erkannt hatte, der zeitliche Rahmen für das Kommen des Messias sei in 1.Mose 49,10 klar abgesteckt. Aber das jüdische Volk lehnte es ab, diese Information zu beachten. Das Zepter wurde von Juda genau zum richtigen Moment weggenommen, so daß die Römer Jeschua kreuzigen konnte. Psalm 22 und Jeschua (Matthäus 20,19) sagten beide seine Kreuzigung voraus. Darum wurde das Zepter von Juda genau zu diesem Zeitpunkt weggenommen, damit Gottes Wort erfüllt würde.
Bis zu diesem Punkt bringt uns Vers 10 zum ersten Kommen des Messias. Dieser Text kann nur von einer Person sprechen. Es gibt in der Geschichte nur eine Person, die vor 70 A.D. lebte, die Erfordernisse des Textabschnitts erfüllte und beanspruchte, der Messias zu sein. Diese Person ist Jeschua. Jeschuas irdische Laufbahn begann mit seiner Geburt im Jahre 6 oder 7 B.C. und endete mit seiner Himmelfahrt im Jahre 30 A.D.
In Lukas 3 haben wir einen Bericht über Seine Abstammung, Seine Stammes-Identität. Wir wissen, aus welchem Stamm und welcher Familie Jeschua herkam. Er ist sowohl ein Nachkomme Judas als auch der königlichen Familie Davids. Nach Lukas 1 ist Jeschua der letzte König in Judas königlicher Vormachtstellung.
Der Engel Gabriel verkündete Maria die Geburt des Messias. Er sagte zu ihr in Lukas 1,31-33:
„Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jeschua geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Judas Prominenz erreicht ihre größte Herrlichkeit mit dem Kommen Jeschuas. Wir aber, das jüdische Volk, wiesen Jeschua bei Seinem ersten Kommen als unseren Messias/König zurück. Jeschua ging zurück auf Seinen himmlischen Thron bis zu der Zeit, wenn das jüdische Volk zu Ihm rufen wird, daß Er wiederkommen möge. Zu jener Zeit, irgendwann in der Zukunft, wird Er dann kommen, um Seine Feinde zu vernichten, Sein Volk zu erretten und das messianische Königreich aufzurichten. Wegen dieser geschichtlichen Tatsachen haben wir eine zeitliche Lücke zwischen dem, was wir bisher gesehen haben, und dem letzten Teil des Verses.
Bitte beachten Sie die folgende Tabelle. So gliedert sich der zeitliche Ablauf der Vers-abschnitte auf.
| Jakobs Zeit, etwa 1.700 B.C | Es wird das Zepter von Juda nicht weichen von Juda noch der Stab des Herrschers von Seinen Füßen. |
| (etwa 1700 Jahre lang) | |
| Jeschuas Zeit 6-7 B.C. bis 30 A.D. | Bis der kommt, dem es gehört. |
| Zerstörung des Tempels 70 A.D. | (etwa 2000 Jahre lang) |
| Bedrängnis-Zeit (7 Jahre) | |
| Messianisches Königreich (1.000 Jahre) | Ihm werden die Völker anhangen. Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe. Er wird sein Kleid in Wein waschen und seinen Mantel in Traubenblut. Seine Augen sind dunkel von Wein und seine Zähne weiß von Milch. |
„Es wird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen“ gehört zum Zeitraum von 1700 B.C. bis 6-7 B.C.
Das Wort „bis“ bringt uns zum ersten Kommen Jeshuas. Es erstreckte sich von 6-7 B.C. bis zu 30 A.D. Jakob sagte uns, wann der Messias erscheinen sollte – vor 70 A.D., und das war genau, als Jeshua auf der Bildfläche erschien.
Bitte denken Sie beim Blick auf die Tabelle daran, daß das sehr wichtige Wort „bis“ nicht bedeutet, daß Juda das Zepter besitzen wird und dann seine königliche Autorität verliert, wenn der Messias kommt. Vielmehr spricht das Wort „bis“ von einem Höhepunkt der Herrschaft Judas. Es spricht von einer Vermehrung der Herrschaft Judas und von deren Fortsetzung durch den Messias. Judas Herrschaft wird ihre größte Herrlichkeit erreichen, wenn der Messias erscheint. Der erste Teil von Vers 10 beschreibt den Abschnitt des ersten Kommens in dieser gemischten Prophetie.
Dann gibt es eine Zeitlücke zwischen diesem Versteil und seinem Schlußteil. Diese Lücke wird angedeutet durch das kleine Bindewort „und“. Dieses Wort umfaßt die Zeit von 30 A.D. bis zur Wiederkunft Jeshuas und der Aufrichtung des messianischen Königreichs. Das kleine Wort „und“ umschließt ungefähr 2000 Jahre.
Der abschließende Teil von Vers 10 wird im messianischen Königreich erfüllt werden: „Ihm werden die Völker anhangen.“ Jeshua wird nicht nur über Israel regieren, sondern Er wird ebenso über alle Völker der Welt regieren als der König der Könige und Herr der Herren. Der Schluß von Vers 10 führt uns in den Abschnitt des zweiten Kommens in der gemischten Prophetie.
Mit den Worten von Rabbi Munk im Artscroll Tenach-Kommentar:
Bis zum Kommen des Messias wird Juda das königliche Zepter inmitten seines eigenen Volkes behalten, aber der Messias, der Abkömmling Davids, wird herrschen über die versammelten Völker. 23
Wir haben schon erwähnt, daß nach unserem Verständnis das Wort „Schiloh“ besser übersetzt würde mit „dem es gehört.“ Bevor wir fortfahren, halten wir es für angemessen, noch etwas dataillierter auf die zwei verschiedenen Auslegungen des Verses einzugehen.
1 Zlotowitz, vol. 6, p. 2152
2 Ibid., p. 2153
3 Silbermann, p. 245; Zlotowtiz, vol. 6, p. 2152; Fruchtenbaum, Dr. Arnold G., Messianic Christology (Ariel Ministries, 1998), p. 20
4 Ibid.; Ibid.; Frydland, Rachmiel, What the Rabbis Know About the Messiah (Columbus, Ohio: Messianic Publishing Co., a division of Messianic Literature Outreach, 1991), pp. 16-17
5 Cohen, p. 305
6 Zlotowitz, vol. 6, p. 2152
7 Ibid., p. 2150
8 Ibid., p. 2153
9 Ibid.; Frydland, p. 17
10 Yellin, Burt, Messiah: A Rabbinic and Scriptural Viewpoint (Denver, CO: Congregation Roeh Israel, 1984), p. 90; Frydland, pp. 16-17
11 Frydland, p. 17
12 Ibid.; Fruchtenbaum, p.20
13 Riskin Shlomo, The International Jerusalem Post, January 12, 2001, "Awaiting the Messiah," p. 39
14 Hertz, p. 185
15 Keil and Delitzsch, vol. 1, p. 393
16 Van Groningen, p. 172
17 Gaebelein, vol. 2, pp. 279-280
18 Ibid.
19 Fruchtenbaum, p. 19; Logos 2.0, New Bible Dictionary, article "Shiloh"
20 Fruchtenbaum, pp. 19-20
21 Lemann, MM, Jesus Before the Sanhedrin, (Neck City: Giving and Sharing) www.giveshare.org/library/sanhedrin/1.2.html
22 McDowell, Josh, Evidence that Demands a Verdict (San Bernardino, CA: Here's Life Publishers, Inc., 1972, 1979), pp. 168-169, Other possible sources, J. Tal. Sanhedrin 24 recto, B. Tal. Sanhedrin 4
23 Zlotowitz, vol. 6, p. 2153-2154