Der Vorwurf der Anti-Missionare:
Ein gewöhnlicher Einwand der Anti-Missionare bewegt sich auf dieser Schiene:
Die Schreiber der Evangelien berufen sich auf die Prophetie hinsichtlich des Teilens der Kleidung und des Loswerfens. Aber wenn das „sie durchbohrten meine Hände und Füße“ wirklich in der Septuaginta stand, warum versäumten es die Evangeliumsschreiber, diese Prophetie, die weitaus offensichtlicher und konkreter ist, mit einzubeziehen?
HaDavars Antwort:
Niemand kann die Frage beantworten, warum die Evangeliumsschreiber irgendwelches Material im Neuen Testament mit aufnahmen oder davon ausschlossen. Es ist völlig unpassend, diese Frage zu stellen, denn sie kann nur vom Autor des Evangeliums beantwortet werden. Wir können nicht wissen, warum sie von Gott bewegt wurden, gerade das Material auszuwählen, das sie verwendeten. Wir wissen, daß sie dabei absichtlich auswählten, aber wir erfahren nicht, warum sie das so taten. Einen kleinen Hinweis darüber, wie sie ihre Entscheidungen trafen haben wir in den Evangelien von Johannes und Lukas.
Johannes 20,30-31:
„Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“Johannes 21,25:
„Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“Lukas 1,1-4:
„Viele haben es schon unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind. So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, damit du den sichern Grund der Lehre erfahrest, in der du unterrichtet bist.“
In seinem klassischen Werk The Life and Times of Jesus the Messiah listet Dr. Alfred Edersheim 456 Stellen aus der hebräischen Bibel auf, von denen die Rabbinen sagten, sie beziehen sich auf den Messias oder auf die messianischen Zeiten (Appendix 9). Sowohl alle „klassischen“, messianischen Bezüge sind dort angegeben als auch eine ganze Anzahl weiterer Stellen. Wir könnten genauso einfach fragen, warum die Evangeliumsschreiber nicht auch alle diese Verweisstellen erwähnt haben. Auch diese Frage kann niemand beantworten, obwohl wir wissen, daß eine große Menge an Material dafür zur Verfügung gestanden hätte.
Aus der damaligen Zeit wissen wir, daß Buchrollen nur eine bestimmte Länge hatten. Die beiden Werke des Lukas zum Beispiel füllten die längsten Rollen, die in jener Zeit verfügbar waren. So mußte man den Text kürzen, weil man nur beschränkt Platz hatte oder nicht wollte, daß der Bericht unhandlich wurde. Solche Art von Entscheidungen trifft jeder gute Autor.
Wir wissen das alle, aber warum ein bestimmter Hinweis einem anderen vorgezogen wurde – das weiß nur der Autor und Gott. Wir können nicht etwas zum Brennpunkt machen, das wir nicht wissen können. Der Anti-Missionar versucht, unsere Aufmerksamkeit von dem wegzulenken, was wir wissen. Wenn wir uns an die Schrift halten, dann werden wir eine mehr als befriedigende Antwort auf alle unsere Fragen erhalten. Das wissen die Rabbiner, und daher benutzen sie andere Taktiken, um uns vom Wege abzubringen und Zweifel zu erwecken. Sie benutzen Beschämung, Einschüchterung, Verächtlichmachung, willkürlich konstruierte oder Schein-Argumente, und so fort – alles, um die Aufmerksamkeit vom Text selbst wegzulenken.
So geschieht es auch hier. Das ist eine ablenkende Frage. Bleiben Sie am Text und lassen Sie sich nicht durch verwirrendes Geschwätz irreführen wie bei dieser Frage, auf die niemand außer dem Autor selbst eine Antwort geben kann.
Ein zweiter Aspekt der Antwort liegt darin, daß man in jener Zeit weder Kapitel- noch Verseinteilungen in der Bibel kannte. Im ersten Jahrhundert bezog man sich auf einen Schriftabschnitt, indem man eine Stelle daraus zitierte. Man konnte keine genauen Kapitel- und Versangaben machen. Wie in Matthäus, Markus und Lukas berichtet wird, wies Jesus den Leser auf Psalm 22 hin, als er den ersten Vers von diesem Psalm am Kreuz zitierte. Der Leser des ersten Jahrhunderts wußte nun, daß er auf den ganzen Psalm verwiesen wurde. Er sollte den ganzen Psalm lesen und studieren, um seinen Einfluß und seine Bedeutung zu erproben und zu ermitteln. Ihm war klar, daß er nicht nur den ersten Vers lesen und dann aufhören sollte. Wenn er tat, was man erwartete, dann las er Vers 17 und eine Menge weiterer Verse. Psalm 22 enthält viele messianische Aussagen. Somit ist es sehr wahrscheinlich, daß Jesus, Matthäus, Markus und Lukas alle Leser des ersten Jahrhunderts (und uns 21 Jahrhunderte später) anhalten wollten, den ganzen Psalm zu lesen. So war es die normale Erwartung im ersten Jahrhundert.
Heute neigen wir dazu, die Bibel in kleine Häppchen und Stücke zu zerhacken. Manchmal geht das leider konform mit den traditionellen Einteilungen in Kapitel und Verse. Weil wir keinen Bibelvers haben, in dem Jesus sagt: „Oh, übrigens, lest bitte den ganzen Psalm, wenn ich den ersten Vers zitiere!“, darum können wir in dieser Erklärung nicht dogmatisch sein. Aber es ist wahrscheinlich, daß dies seine Absicht war.
Drittens, was sagen die Rabbinen über Psalm 22? Lassen Sie mich aus Dr. Edersheims Kommentar zitieren:
„Über Psalm 22,8 erscheint eine beachtliche Anmerkung in Jalkut zu Jesaja 60. Sie bezieht diese Stelle auf den Messias (den zweiten Messias oder Sohn Ephraims) und braucht dazu fast dieselben Worte, die die Evangelisten verwenden, um den Spott der Juden unter dem Kreuz zu beschreiben – Psalm 22,16. Es gibt eine ähnliche, bemerkenswerte Anwendung dieses Verses in Jalkut.1
Dr. Edersheim zeigt uns, daß die Rabbinen selbst dies als einen messianischen Psalm ansahen, und das stimmt ganz mit seiner Verwendung im Neuen Testament überein. Jesus verwies uns auf einen Psalm, der von der jüdischen Gemeinschaft als messianisch ausgelegt wurde.
Schließlich scheint die Frage daran zu zweifeln, daß Psalm 22 in der Septuaginta enthalten ist. Ich kann Ihnen versichern, daß er mit völliger Gewißheit dort steht und von jüdischen Gelehrten 200 Jahre, bevor Jesus auf der Bildfläche erschien, übersetzt wurde.
1 Edersheim, A. The Life and Times of Jesus the Messiah (electronic ed.)